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Ullrich: „Die Kinderleichtathletik ist eine Investition in die Zukunft der Sportart“


Dominic Ullrich: Er gehörte 2004 zur siegreichen deutschen 4x200-Meter-Staffel bei der Hallen-WM (Masters) (Foto: DLV)

Es gibt wohl nicht viele, die sich besser auskennen in der Kinderleichtathletik (KiLa) als Dominic Ullrich. Der Lehrertrainer an der Carl-von-Weinberg-Schule in Frankfurt ist im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) verantwortlich für das Jugendlehrwesen, er leitet die Projektgruppe „Kinder in der Leichtathletik“ und ist stellvertretender Vorsitzender des Bundesausschusses Jugend. Er hat die Entwicklung und Umsetzung des neuen DLV-Wettkampfsystems „Kinderleichtathletik“, das seit 1. Januar 2013 bundesweit verbindlich ist, maßgeblich vorangetrieben. Im Hessischen Leichtathletik-Verband (HLV) gehört der ehemalige Landestrainer (Kurz- und Hürdensprint) der Arbeitsgruppe Schulsport an und ist im Jugendausschuss für die Nachwuchssichtung und -förderung zuständig. Er ist zertifizierter Ausbilder beim Leichtathletik-Weltverband IAAF und beschäftigt sich dort mit der Angleichung des Disziplinangebots in der Kinder- und Jugendleichtathletik bis zur Altersklasse U14. Vor dem HLV-Landesfinale im KiLa-Teamwettbewerb U12 am 20. September in Langenselbold (Teilnehmer) erläutert Ullrich im Gespräch mit hlv.de die Rolle und die Möglichkeiten der Kinderleichtathletik, beleuchtet die Situation in Hessen und sagt, was in Zukunft noch besser werden soll.

Was versteht man unter Kinderleichtathletik?
Die Kinderleichtathletik verbindet alters- und entwicklungsgemäße Bewegungsinhalte im Laufen, Springen und Werfen in den Altersklassen U8 bis U12 und ergänzt sie durch Turnen, Spiele und zum Teil auch Schwimmen. Es geht darum, dass elementare Bewegungen leichtathletisch zielgerichtet durchgeführt werden und auf die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Kinder sind motorisch nicht mehr so gut ausgebildet wie vor 30, 40 Jahren, reagiert wird. Dazu kommen Wettkampfinhalte, die konsequent das gesamte Disziplinspektrum der Leichtathletik abbilden und nicht wie zuvor nur den 50-Meter-Sprint, den Weitsprung, den Schlagballwurf und eine Mittelstrecke (bei den Mädchen der 800- und bei den Jungen der 1.000-Meter-Lauf; in der U12 kam dann noch der Hochsprung dazu). Drehwürfe, Hürdenläufe, Stabsprünge (eine Vorstufe des Stabhochsprungs), Mehrfachsprünge (als Vorbereitung auf den Dreisprung) und Stoßdisziplinen haben im alten System gar nicht stattgefunden.


In den KiLa-Staffeln laufen Jungen und Mädchen gemeinsam (Foto: Heller)

Warum ist das Wettkampfsystem Kinderleichtathletik eingeführt worden?
Es ist von vornherein aus leistungssportlichen Erwägungen etabliert worden und stellt eine alters- und entwicklungsgerechte Heranführung an die Leichtathletik im besten motorischen Lernalter (bis 11 Jahre) dar. In dieser Phase werden Grundlagen geschaffen, im Training und im Wettkampf. Koordinative Herausforderungen bieten sich geradezu an. Die Trainingsinhalte müssen sich auch in entsprechenden Wettkampfinhalten darstellen.

Das „klassische“ Sprinten, weitspringen, der Ballwurf oder das Laufen sind im Vergleich zu den neuen Bewegungs- und Disziplinmöglichkeiten koordinativ eingeschränkt (also nur „geradeaus“ sprinten, werfen oder springen). Mit den Drehwürfen, den Hürdenläufen, den Stabsprüngen, den Mehrfachsprüngen und den Stoßdisziplinen ist das Angebot für Kinder mittlerweile wesentlich breiter, anspruchsvoller und herausfordernder aufgestellt. Das Ergebnis sollten in Zukunft motorisch und koordinativ wesentlich besser ausgebildete Kinder und Jugendliche sein. Die Kinderleichtathletik ist ein Voraussetzungstraining für spätere Höchstleistungen, die Kinder sollen vielseitig und sinnvoll für die Leichtathletik begeistert werden.

Kritiker bezeichnen Kinderleichtathletik als Spielerei, sehen den Leistungsgedanken verwässert...
Das stimmt nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn die Kinderleichtathletik, bezogen auf das Wettkampfsystem, eines nicht ist, dann eine Spiel-Leichtathletik. Höher, schneller und weiter gilt weiterhin, es gibt Gewinner und Verlierer. Ich glaube, dass das neue Wettkampfsystem die Leichtathletik attraktiver macht und der Sportart insgesamt eine wesentlich breitere Basis verleiht.

Wie sieht ein kindgerechtes Wettkampfsystem aus?
Alle Disziplinen müssen den speziellen Bedürfnissen der Kinder in den Bereichen körperliche Entwicklung, Schnelligkeit, Ausdauer, Technik und Koordination entsprechen. Umgesetzt heißt das, dass sich die Disziplinen alle zwei Jahre verändern, da sich auch die Fähigkeiten der Kinder verändern. Ein Beispiel: Bei 6- oder 7-Jährigen sollte man die Schnelligkeit mit Hilfe von 30-Meter-Sprints fördern. 8- und 9-Jährigen sollte man zusätzlich die ersten Starttechniken beibringen. Erst kommen die Fähigkeiten und Fertigkeiten, dann die Techniken. Das ist eine große Stärke des deutschen Systems.

Die Kinderleichtathletik darf keine reduzierte Erwachsenen-Leichtathletik sein, das hat 1991 schon der damalige DLV-Präsident Helmut Digel gefordert. Zwar wurde daraufhin das Wettkampfangebot für Kinder ergänzt, doch eine verbindliche Umsetzung auf Vereins- und Kreisebene hat nicht stattgefunden.

Was ist neben Motorik, Koordination, Ausdauer, Technik und Ausdauer noch essentiell?
Der psychosoziale Aspekt ist ganz wichtig. Die Frage, die man sich immer wieder stellen muss, lautet: ´Was motiviert Kinder?´ Fragt man Kinder, warum sie Sport machen, bekommt man als Antwort: Weil es Spaß macht und weil der Freund oder die Freundin dabei sind. Wenn man Kinder langfristig an die Leichtathletik binden will, muss das Wettkampfsystem diese psychosoziale Komponente unbedingt abbilden. Die Kinderleichtathletik versteht sich als Teamwettbewerb, in dem jede Disziplin als Team absolviert wird. Es findet keine Addition von Einzelergebnissen wie bei den klassischen Teamwettbewerben (Team-DM, DJMM, DSMM) statt. Der Teamgedanke und das Zusammengehörigkeitsgefühl sind in der Kinderleichtathletik wesentlich stärker.

Natürlich bringen auch 8- oder 9-Jährige weiterhin individuelle Leistungen, auch wenn sie keine Einzelurkunden bekommen. Mit pädagogischem Geschick können die Trainer aber auch die jeweiligen Einzelergebnisse würdigen.


Das Überlaufen von Bananenkisten als Vorstufe der Hürdenläufe (Foto: Heller)

Bis zur Altersklasse U12 spricht man von Kinderleichtathletik, ab der U14 von Jugendleichtathletik. Was zeichnet diesen Übergang aus?
Die Kindheit ist, wie schon angedeutet, das beste motorische Lernalter, die Entwicklung verläuft sprunghaft-grundlegend. Ab dem 12. Lebensjahr werden koordinative Reizsetzungen schwieriger, was auch mit dem Längenwachstum zusammenhängt. Das Kraftvermögen steigt, erste konditionelle Schwerpunkte können gesetzt werden. Zudem ist das Verhalten von Kindern auf ein Miteinander ausgerichtet. Erst mit der Pubertät setzt eine verstärkte Individualisierung ein. So werden in der U12 neben dem Teamwettbewerb auch Einzelwettbewerbe angeboten. Die Übergänge zwischen Kindheit und Jugend sind jedoch fließend, die Entwicklungen bei Mädchen und Jungen setzen zeitlich versetzt ein.

Was macht die Kinderleichtathletik zu einem Gewinn?
Insbesondere die altersgemäße Differenzierung. Früher ist beispielsweise nicht zwischen 6-, 7-, 8-, und 9-Jährigen unterschieden worden. Es gab nur 8- und 9-Jährige und jünger. Und die 6- und 7-Jährigen waren klar benachteiligt, so kam es sehr früh zu ersten Frusterlebnissen. Und um beispielhaft auf das Disziplinangebot zu sprechen zu kommen: Die 6- bis 11-Jährigen sind früher alle altersundifferenziert 50 Meter gesprintet. Solche „Sprint“- Belastungen in der Praxis bei 9-Jährigen und jünger von deutlich länger als neun oder zehn Sekunden haben vor allem eher unerwünschte Ausdauereffekte und entwickeln dabei leider unzureichend die Schnelligkeit. Dafür müsste die Belastungsdauer, d.h. die Sprintzeiten, unter 8 Sekunden liegen. So ist sicherlich verständlich, warum der DLV die Streckenlängen im Sprint altersgemäß deutlich verkürzt hat (U8: 30m, U10: 40m und U12: 50m), um so eine zentrale konditionelle Fähigkeit der Leichtathletik, nämlich „Schnelligkeit“, verstärkt bei Kindern zu entwickeln.

Kann das Wettkampfsystem Kinderleichtathletik die Drop-out-Rate bei Jugendlichen in der Leichtathletik verringern?
Ich finde schon. Wenn über Jahre immer dieselben Wettkampfformen praktiziert werden, der Fokus immer nur auf dem Individuellen liegt, dann überraschen mich Aussteiger nicht. Dem kann man aber mit einem durchdachten Trainings- und Wettkampfmodell, das mit dem Kind „mitwächst“, entgegenwirken.


Die Schlag- und Drehwürfe gehören zum festen Programm der KiLa (Fotos: Heller)

Was bedeutet die Umstellung für Trainer, Vereine und Veranstalter?
Kinderleichtathletik ist nicht so materialintensiv, wie es viele Kritiker behaupten. Natürlich muss man am Anfang in neue Geräte investieren, danach aber kann ein Austausch unter Vereinen stattfinden, was auch immer besser funktioniert. Außerdem ist das deutsche System offen, was Geräte und Materialien angeht. Zum Vergleich: Die Niederlande hat ein genormtes System. Und das bedeutet automatisch höhere Kosten für die Vereine.

Auch auf Seiten des Personals gilt: Am Anfang braucht man wahrscheinlich ein paar Helfer mehr. Doch sobald sich eine gewisse Routine eingespielt hat, ist der Personalaufwand gleich oder, wenn man geschickt ist, sogar geringer.

Die Leichtathletik lebt von Zeiten, Weiten und Resultaten. Kila-Ergebnislisten führen stattdessen oft nur Teamnamen und Punkte. Einzelteilnehmer und -ergebnisse werden nicht genannt. Wie die Ergebnisse zustande gekommen sind, ist nicht nachvollziehbar. Was muss passieren, damit diese Streitpunkte verschwinden?
Die Veranstalter müssen noch besser für das Ausfüllen der Kila-Wettkampfbögen sensibilisiert werden. Auf Seiten des DLV hat man früh mit dementsprechenden Materialien der ´Anonymität´ von Kila-Wettkämpfen entgegengewirkt, sie sind z. B. hier zu finden oder auf der Facebook-Seite „Kinderleichtathletik“. Was man aber festhalten kann: Durch die Kinderleichtathletik ist die Leichtathletik wieder mehr in den Medien vertreten. Was auch an der Stimmung bei Kila-Wettkämpfen liegt. Bei Biathlon-Staffel-Wettbewerben in der Kinderleichtathletik geht die Post ab. Wer da keine Gänsehaut bekommt, ist auch kein Leichtathlet.

Wo soll es in Zukunft mit der Kinderleichtathletik hingehen?
Die Kinderleichtathletik muss sich besser darstellen, bei der Durchdringung der Basis, sprich den Vereinen, gibt es noch Defizite. Was man nicht vergessen darf: Die Mehrheit im DLV, d.h. die Mitglieder aller Landesverbände in Vertretung durch den Verbandsrat, hat 2012 für die verbindliche Einführung der Kinderleichtathletik gestimmt, der DLV hat nicht über die Köpfe seiner Mitglieder entschieden. Ziel sollte aber sein, dass die Kinderleichtathletik in Zukunft noch stärker als Zugewinn für die Kinder und die gesamte Leichtathletik wahrgenommen wird.

Was auffällt: Das Gehen wird in der Kinderleichtathletik derzeit nicht abgebildet...
… doch die Ausbildungsinhalte bezüglich Gehen in der Kinderleichtathletik und im Grundlagentraining sind schon erarbeitet und werden in der bundesweiten Trainerausbildung einsetzbar sein. In einzelnen Landesverbänden wie z. B. Brandenburg wird das schon praktiziert. Kindgemäße Gehwettbewerbe, möglichst nach den Grundsätzen der KiLa, also im Team und koordinativ anspruchsvoll (z.B. durch abwechslungsreiches Gelände oder in Verbindung mit bestimmten Aufgaben und Herausforderungen), mit altersgemäßen, einfachen Wettkampfregeln, sind möglich. Mit den Bundestrainern „Gehen“ ist verabredet, dass in Zukunft kindgemäße Testwettkämpfe zum Gehen veranstaltet und nach der anschließenden Analyse entsprechende Empfehlungen ausgesprochen werden.


Die neuen C-Trainer „Kinderleichtathletik“ im HLV (Foto: Ullrich)

Wo steht die Kinderleichtathletik in Hessen im nationalen Vergleich?
Hessen ist ganz vorne dabei. Dafür spricht, dass der der HLV seit fünf Jahren die C-Trainer-Ausbildung „Kinderleichtathletik“ anbietet und bereits über 120 Trainer auf diesem Gebiet ausgebildet hat. Es gibt erfolgreiche Kila-Serien und Ligen, besonders hervorzuheben ist der Kreis Darmstadt/Dieburg. Einzelne Kreismeisterschaften haben die Kinderleichtathletik bereits integriert.

Wie sieht es auf internationaler Ebene aus?
Deutschland verfügt auf dem Gebiet der Kinderleichtathletik über ein umfassendes Fachwissen. So haben sich schon viele internationale Kooperationen ergeben, vor allem Polen, die Niederlande, die Schweiz und Österreich sind hier zu nennen. Eine internationale Einheitlichkeit wird es jedoch nie geben, dafür sind die Traditionen und Rahmenbedingungen zu unterschiedlich. Ich bin aber optimistisch, dass das „Kids´ Athletics“-Programm der IAAF die Impulse aus Deutschland noch stärker abbilden wird. Zum Beispiel kommt der Hochsprung bei „Kids´ Athletics“ gar nicht vor.

Zum Abschluss: An welchen Stellschrauben soll als nächstes gedreht werden?
Die Kooperationen mit den Kultusministerien, den Schulen und den Hochschulen sollten intensiviert werden. So können die Bundesjugendspiele bereits mit dem Wettkampfsystem Kinderleichtathletik verbunden werden. Dasselbe ist bei „Jugend trainiert für Olympia“ der Fall. Langfristig soll die gesamte Leichtathletik wieder verstärkt und attraktiver im Sportunterricht abgebildet werden – und nicht nur einseitiges Laufen, Springen und Werfen. Ich setze stark auf die Aus- und Fortbildung. Nur über die die Lehrer und Trainer erreichen wir die Kinder. Die Kinderleichtathletik ist eine Investition in die Zukunft unserer Sportart.

Informationen zur Kinderleichtathletik auf dem Fachportal leichtathletik.de

Die aktuelle DLO mit den Zusatzbestimmungen zur Kinderleichtathletik (Anhang 5)

HLV-Termine zur C-Trainer-Ausbildung "Kinderleichtathletik" 2016

E-Book „Wettkampfsystem Kinderleichtathletik“

(Das Gespräch führte Tammo Lotz)

 


17.09.2015