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Die Duale Karriere bei der Hessischen Polizei


Stefan Kuhlee und HLV-Präsidentin Anja Wolf-Blanke (Foto: HLV)

Hochleistungssport und berufliche Ausbildung? Wie passt das zusammen? Manchmal überhaupt nicht, auch wenn beispielsweise die Deutsche Sporthilfe die sogenannte Duale Karriere fördert und entsprechend bewirbt. Trotzdem bemängeln auch Leichtathleten, dass es trotz Erleichterungen bisweilen nicht passt mit dem erwünschten Gleichklang von Ausbildung/Studium/sportlicher Laufbahn. Zuletzt beendete 400-Meter-Hürdenläufer Silvio Schirrmeister (Dresden) im Alter von 26 Jahren seine Karriere und nannte als einen Grund, dass ihm die Doppelbelastung Sport/Job zweimal 100 Prozent abverlangt habe. Was zumindest für ihn über einen etwas längeren Zeitraum nicht zu leisten gewesen wäre. Eine Möglichkeit, beiden Anforderungen gerecht zu werden und sich zudem eine nachhaltige Basis für die Zeit nach der aktiven Karriere aufzubauen, bietet seit 2005 die Hessische Polizei mit ihrer Sportfördergruppe. Dabei wird die Gesamtstudiendauer an der Hochschule für Polizei und Verwaltung (HfPV) in Wiesbaden von drei auf viereinhalb Jahre gestreckt, die Spitzensportler/innen sind in einer Studiengruppe zusammengefasst, die Praktika werden gemäß den Wettkampf- und Trainingsmaßnahmen verlängert. Die Vorteile bei erfolgreichem Abschluss: ein Job im gehobenen Dienst als Polizeikommissar/in inklusive Arbeitsplatzgarantie und geregeltem Einkommen.

Gerade ist der elfte Jahrgang mit den Ernennungsurkunden bedacht worden. Und darunter sind auch drei aktive Leichtathleten sowie eine ehemalige hessische Leichtathletin. Konkret Robin Katzer (TV Herborn/Hochsprung/2,00 Meter), Vanessa Grimm (LG Reinhardswald/Siebenkampf/5.282 Punkte) und Alicia Schilling (TSV Korbach/Diskuswurf/46,06 Meter). Des Weiteren die ehemalige Mehrkämpferin Kim Kalicki (Wiesbaden), die sich mittlerweile dem Bobsport verschrieben hat. Im vergangenen Jahr waren es die Sprinter Nils Kessler und Simon Schütz (beide Wiesbadener LV), 2013 hatte sich kein hessischer Leichtathlet um die Aufnahme in die Polizei-Sportfördergruppe beworben. 2012 ist es lediglich Stefan Dietl (Hammerwurf/LG Eintracht Frankfurt) gewesen. 2011 hingegen vier Personen: Lisa Jäsert (Wiesbadener LV/Mittelstrecke), Benjamin Jonas (LG Eintracht Frankfurt/400 Meter), Marius Rosbach (TV Elz/Diskuswurf) sowie die EM-Vierte Carolin Schäfer (TV Friedrichstein/Siebenkampf).


Martin Günther, U18-Weltmeister 2003 (Foto: IRIS)

„Wir wollen Kontinuität“, sagt Arnulf Rücker, Laufbahnberater des Olympiastützpunkts (OSP) Hessen mit Sitz in Frankfurt am Main, über dessen Schreibtisch alle Anträge gehen. Aber nicht immer seien die Jahrgänge mit bereits national erfolgreichen Athleten gleich stark nachgefragt. Anders gesagt: Es kommen dann auch sogenannte Füllkandidaten zum Zug, bis hinunter in die D-Kader. Was zunächst klingt wie eine Negativentwicklung des Modells Polizeisportfördergruppe, bedarf im Vorfeld der Betrachtung jeder individuellen sportlichen Perspektive und später der Leistungsentwicklung. Was in der Rückschau auf den ersten Jahrgang sehr deutlich wird. Bei der Premiere vor elf Jahren waren zunächst insgesamt 15 Sportfördergruppe-Plätze (Vorrang haben stets olympische Disziplinen) ausgelobt, letztlich wurden es dann 18, von denen acht an Leichtathleten vergeben wurden. Diesem Jahrgang gehörten an: Ariane Friedrich (Hochsprung), Kathrin Klaas (Hammerwurf), Andrea Bunjes (Hammerwurf), Thilo Ruch (400 Meter), Stefan Kuhlee (200 Meter), Heinrich Seitz (Diskuswurf), Christopher Götz (Kugelstoßen) und Sebastian Schäfer (400 Meter). Wie unterschiedlich sich die Karrieren der Genannten entwickelt haben, dürfte bekannt sein. In die Weltklasse schafften es Friedrich, Klaas und Bunjes; Ruch (p.B. 46,09 Sekunden) wurde später wegen disziplinarischer Vergehen „entpflichtet“, wie es im Fachterminus heißt. Er musste die Polizei verlassen. Andere wie Götz (Bestleistung 18,58 Meter/2009) gelang der Sprung in die erweiterte deutsche Spitze, Schäfer kam mit 47,10 Sekunden (2011) dort nicht an. Der Frankfurter Seitz entwickelte sich sportlich überhaupt nicht weiter, seine Bestleistung (62,63 Meter) warf er ein Jahr vor seiner Aufnahme in die Polizei-Sportfördergruppe.


Sabine Rumpf, EM-Siebte 2010 (Foto: IRIS)

Knapp 30 Leichtathleten und Leichtathletinnen haben bislang die berufliche Ausbildung und die Vorzüge der hessischen Polizei-Sportfördergruppe in Anspruch genommen. Darunter seit 2009 auch Weitspringerin Xenia Stolz (Wiesbaden/6,74 Meter) und Marathonläuferin Katharina Heinig (Frankfurt/2:33:56 Stunden). Im Jahr 2008 begann die ehemalige deutsche Diskusmeisterin Sabine Rumpf (LSG Goldener Grund) ihr Studium, Hochspringer Martin Günther (Frankfurt/2,30 Meter) ist bereits seit 2006 im Dienst und ebenso längst Polizeikommissar. Auf eigenen Wunsch entpflichtet wurde die ehemalige Hürdensprinterin Anne Marchewski (13,53 Sekunden im Trikot des SC Gelnhausen/2012). Sie war 2010 aufgenommen worden und verließ die Sportfördergruppe drei Jahre später. Stefan Kuhlee von der LG Eintracht Frankfurt - mit 20,92 Sekunden (2008) zehntbester hessischer 200-Meter-Sprinter aller Zeiten - bat zum 1. Februar 2010 nach erfolgter Laufbahnprüfung um die Freistellung aus der Sportförderung. Beide sind aber weiterhin im Polizeidienst.

Hochspringer Günther hat mit die größten Erfahrungen in der Polizei-Sportfördergruppe gesammelt. „Hessen ist in diesem Bereich führend ohne Ende“, sagt der 28-Jährige. „Ich hatte immer die volle, gigantische Unterstützung.“ Auch in schwierigen Zeiten, wenn langwierige Verletzungen den Aufwärtstrend gestoppt haben. Zuletzt war Günther im 5. Revier in Frankfurt eingesetzt, nun hat er um zusätzliche Freiräume gebeten, da er sich wegen eines Trainerwechsels nach Stuttgart orientiert. „Die Sportfördergruppe der Polizei ist eine unglaubliche Chance. Was daraus gemacht wird, muss jeder selbst entscheiden“, sagt er. Für ihn ist klar: „Ich habe dort alle meine größten Erfolge gefeiert.“


Lisa Jäsert, U20-EM-Dritte 2011 (3.000 Meter) (Foto: IRIS)

Laufbahnberater Rücker bewertet die hessische Polizei-Sportfördergruppe als Ergänzung, nicht als Konkurrenzmodell zu anderen Möglichkeiten für eine Duale Karriere. Weitere Optionen im öffentlichen Dienst sind bekanntlich die Bundeswehr, die Bundespolizei, der Zoll; ferner die freie Wirtschaft mit etlichen engagierten Unternehmen aus den Branchen Metall, Chemie/Pharma, Logistik, Bank- und Kreditwesen oder ein Präsenz-Studiengang an den Partnerhochschulen des Spitzensports, etwa der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Bei der hessischen Polizei begleitet ein Beirat die Karriere, dieses Gremium tagt viermal im Jahr und setzt sich aus Vertretern von Polizei und Innenministerium sowie Landessportbund (LSB) Hessen und OSP Hessen zusammen. In den Perspektivgesprächen des Beirats geht es auch darum, ob die geförderten Athleten in den Planungen der jeweiligen Bundestrainer noch eine Rolle spielen. Und es geht darum, wer nach dem Studium als Polizeikommissar einen der insgesamt 20 „Pool-Plätze“ (für alle Sportarten) in Anspruch nehmen darf. Oder „normalen Dienst“ tun muss. Auch hierbei arbeiten der LSB Hessen, der OSP sowie die hessischen Fachverbände mit ihren Empfehlungen Hand in Hand. Ein Muss für alle Interessenten ist natürlich folgendes: Mitglied eines hessischen Vereins sein.

Uwe Martin

 


23.09.2015