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Die Duale Karriere an hessischen Hochschulen


HLV-Trainer Robert Schieferer, Autor dieses Beitrags (Foto: HLV)

Hochleistungssport und berufliche Ausbildung - das sensible und komplexe Thema Duale Karriere ist in den vergangenen Wochen deutschlandweit recht rege diskutiert worden. Fest steht: Es führt kein Weg an der Dualen Karriere vorbei. Denn Geld verdienen können mit der Leichtathletik nur ganz wenige, eine finanzielle Absicherung allein über den Sport zu generieren ist schlichtweg utopisch. Modelle für die Duale Karriere gibt es viele, etwa die Sportfördergruppe bei der Hessischen Polizei. Eine Alternative sind die sogenannten „Partnerhochschulen des Spitzensports“. Partner des Olympiastützpunkts (OSP) Hessen mit Sitz in Frankfurt am Main sind die jeweiligen Hochschulen, in Hessen deren sieben: die Hochschule Darmstadt, die TU Darmstadt, die Uni Frankfurt, die Uni Kassel, die Hochschule RheinMain (ehemals FH Wiesbaden), die HfPV Wiesbaden (Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung) sowie ganz aktuell die Uni Gießen.


Christiane Klopsch (Foto: Benjamin Heller)

Am längsten dabei ist die Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2003 trägt sie den Titel „Partnerhochschule des Spitzensports“. Für Spitzensportler (A-, B- oder C-Kader) gibt es sogenannte „Quotenplätze“. Die Sportler bekommen Hilfestellung bei der Abstimmung von sportlicher Karriere und universitären Verpflichtungen. Der OSP verspricht als Gegenleistung, diese Hochschulen nachhaltig zu empfehlen. Schon Edgar Itt, Till Helmke, Christiane Klopsch, Antonia Werner, Lisa Mayer und Marc Reuther haben in Frankfurt studiert oder studieren noch dort. Zum Wintersemester 2015/2016 haben sich Weitspringerin Maryse Luzolo (Königsteiner LV) und 800-Meter-Läufer Tilman Garthe in Frankfurt eingeschrieben. Garthe bekam jedoch keinen Quotenplatz zugewiesen, obwohl er dem C-Bundeskader angehört. Wie alle angehenden Mediziner musste sich der Nordhesse von der LG Eder über www.hochschulstart.de bewerben. Das Fach Medizin sieht keine „Quotenplätze“ für Sportler vor.

„Jeder Fachbereich der Goethe-Uni in Frankfurt ernennt aus dem Kreis seiner Dozenten einen sogenannten Mentor, der als Ansprechpartner für die Spitzensportler fungiert“, erläutert Arnulf Rücker, Laufbahnberater des OSP. Der Olympiastützpunkt ist die erste Anlaufstelle für HLV-Athleten, die ein Hochschulstudium aufnehmen wollen. „Der Athlet hat dann an der Uni nur einen Ansprechpartner, wenn es um die Koordinierung von Stundenplänen und Trainingsplänen geht“, so Rücker weiter. „Wenn beispielsweise durch Trainingslager zusätzliche Fehlzeiten entstehen, kann der Athlet seinen Mentor bitten, mit allen weiteren Dozenten Kontakt aufzunehmen und eine Befreiung von Präsenzveranstaltungen zu beantragen“. Im Fall von Garthe heißt das: im Dezember ist eine Leistungsdiagnostik in Leipzig, im März 2016 ein dreiwöchiges Trainingslager in Kenia geplant. Dabei überschneidet sich der Aufenthalt in Kenia mit einem Pflichtpraktikum in Physik, das nur einmal im Jahr stattfindet. „Wahrscheinlich kann ich es aber später nachholen“, sagt Garthe und fügt an: „Mein Mentor in der Medizin (Anm.: Dr. Frank Nürnberger) macht einen sehr kooperativen Eindruck.“


Tilman Garthe (Foto: IRIS)

An allen öffentlichen Hochschulen Hessens haben Bundeskaderathleten zudem die Möglichkeit, insgesamt bis zu sechs Urlaubssemester zu nehmen. In diesen Zeiträumen dürfen sie bei Bedarf auch Studien- und Prüfungsleistungen ablegen, ein weiteres Zugeständnis an die Spitzensportler.

Sportgerecht studieren lässt sich grundsätzlich auch durch ein Teilzeitstudium - möglich ist das allerdings ausschließlich in zulassungsfreien Semestern. Ebenso wie alle anderen öffentlichen Hochschulen in Hessen bietet diese Variante z.B. die Technische Hochschule Darmstadt im Fachbereich Maschinenbau an: Aleksi Rösler (SG Schlüchtern), U20-EM-Dritter mit der 4x400-Meter-Staffel, hat sich für diesen Studiengang entschieden und strebt seinen Bachelor-Abschluss nicht in den üblichen drei, sondern in viereinhalb Jahren an.

Auch bei der Wohnungssuche im kostenintensiven Rhein-Main-Gebiet bietet der OSP Unterstützung an, über die Nassauische Heimstätte Wohnungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH. Davon hat beispielsweise Jaakkima Rösler profitiert, der U20-DM-Zweite über 400 Meter und Zwillingsbruder von Aleksi Rösler. Er wird in Frankfurt Sport studieren.


Gesa Krause (Foto: IRIS)

Andere HLV-Hoffnungsträger gehen von vornherein „auf Nummer sicher“, was die Vereinbarkeit von Training und Studium betrifft: Sie entscheiden sich für ein Fernstudium und lernen alle Studieninhalte zu Hause am PC - bei nahezu freier Zeiteinteilung. Die Fernhochschule Riedlingen in Baden-Württemberg hat sich auf diese Form des Studiums spezialisiert. Hier ist beispielsweise die WM-Dritte im 3.000-Meter-Hindernislauf, Gesa Felicitas Krause (LG Eintracht Frankfurt), eingeschrieben.

Seit dem Frühjahr 2015 kooperiert der OSP auch mit der renommierten Privathochschule EBS Business School in Oestrich-Winkel (Rheingau). Hier werden Präsenz- und Fernstudium kombiniert und ein „Part-time Bachelor in General Management“ angeboten. Dieser Studiengang ist berufsbegleitend konzipiert. Drei Tage pro Monat besteht Anwesenheitspflicht. Während der restlichen dreieinhalb Wochen werden die Studieninhalte in verschiedenen Online-Formaten vertieft und zum Teil abgeprüft. Die mit dem Full-time Bachelor identischen und zeitgleich geschriebenen Prüfungen stellen die Qualität des Part-time-Programms sicher. Für Spitzenathleten bietet die EBS Stipendien an.


Constantin Schmidt und Aleksi Rösler (Foto: IRIS)

Auf dieses universitäre Neuland haben sich vor rund drei Wochen Eileen Demes (TV Neu-Isenburg), 400-Meter-Hürden-Finalistin der Olympischen Jugendspiele 2014, und Constantin Schmidt (TG Obertshausen), dreimaliger deutscher 400-Meter-Jugendmeister (2013 bis 2015), begeben. Neben der dreitägigen Einführungswoche, in der bereits die erste Studienleistung erbracht wurde, haben sie mittlerweile den ersten Studienblock absolviert. Die Themen: Mathematik und die Prinzipien des Managements. Womit die EBS wirbt: dem guten Betreuungsverhältnis zwischen Professoren und Studierenden.

„Wir möchten ganz gezielt den Hochleistungssport fördern und junge Sportler unterstützen, ihre Karriere nach der Karriere bestmöglich vorzubereiten“, beschreibt Petra Weiler, Associate Dean der EBS Business School, die Beweggründe der privaten Hochschule, ein solches Part-time Studium anzubieten. Der offizielle Startschuss für die Kooperation mit dem OSP Hessen fiel am 18. April 2015 im Rahmen des „Tages der offenen Tür“.

„Dieser Part-time Bachelor bietet mir optimale Bedingungen die Uni und mein Training miteinander zu verbinden“, sagt Constantin Schmidt. Auch Eileen Demes´ erste Eindrücke sind positiv: „Mir gefällt die persönliche Atmosphäre an der EBS. Man kann jederzeit rasch und unkompliziert alle Fragen mit den Dozenten direkt klären.“

Die Duale Karriere an Hessens Hochschulen - es bestehen offenbar mehr Möglichkeiten als man vermutet.

Robert Schieferer / tam

 


01.10.2015