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Stefan Kuhlee: Neue Motivation, neue Ziele


Stefan Kuhlee (Fotos: IRIS)

Herbstzeit ist Wechselzeit. Noch bis zum 30. November ist das Transferfenster in der Leichtathletik geöffnet. Die ersten Veränderungen in Hessen stehen bereits fest. Die Sprinter Florian Daum und Michael Pohl wechseln von Friedberg nach Wiesbaden, ihr Vereinskollege Steffen Schattner geht nach Mannheim, Kidane Tewolde (noch SSC Hanau-Rodenbach) schließt sich der LG Olympia Dortmund an. Und Stefan Kuhlee verlässt die LG Eintracht Frankfurt und streift 2016 das Trikot der LSG Goldener Grund Selters über.


Stefan Kuhlee? Da war doch was. Der mittlerweile 31-Jährige ist einer der besten hessischen Kurzsprinter, gehörte dem ersten Jahrgang der Sportfördergruppe der Hessischen Polizei an (2005 bis 2010), gewann vor sieben Jahren überraschend den deutschen Hallentitel über 200 Meter und ließ den nationalen Rekordmann Tobias Unger hinter sich. Mit seiner Bestzeit von 20,92 Sekunden rangiert Kuhlee auf Platz zehn in der ewigen hessischen Bestenliste. Dann kamen die Knieschmerzen. Auf der Innenseite des linken Knies hatte sich ein etwa 5-Mark-Stück großes Teil des Oberschenkelknochens gelöst, eine Spätfolge aus der Wachstumsphase. Zweimal musste der gebürtige Spremberger, das liegt in Brandenburg, operiert werden: Knorpelschaden, Karriereende 2010. Wäre das Problem zehn Jahre früher aufgetreten, mutmaßt Kuhlee, hätte es besser behandelt werden können. "Alles in allem hatte ich wohl einfach auch Pech", fasst er sachlich und ohne Groll zusammen.

Fortan war Stefan Kuhlee „nur“ noch Polizist, erst fünfeinhalb Jahre bei der Bereitschaftspolizei in Lich, mittlerweile im Polizeipräsidium Frankfurt. Als Einsatztrainer ist Kuhlee in der Schießausbildung tätig. Sportlich aktiv ist Stefan Kuhlee immer geblieben. „Alles eine Nummer kleiner im Vergleich zu früher, ich habe Abstand gewonnen, meine Ansprüche angepasst.“ Aus dem Leistungssportler Stefan Kuhlee ist der Fitness- und Freizeitsportler Stefan Kuhlee geworden. Wettkämpfe reizen ihn zwar noch immer. Parolen wie ´Ich greife wieder an´ wird man von ihm trotzdem nicht hören. „Das wäre übertrieben, ich sehe das realistisch: Leichtathletik bereitet mir noch immer eine Menge Freude. Und ich bin gespannt, was mein Körper mit reduziertem Training noch so hergibt.“ Kuhlee sieht sich im Taunus in der Rolle des Mentors für den Nachwuchs, möchte die Staffeln und das Team der Startgemeinschaft Limburg/Weilburg unterstützen, ebenso wie Benjamin Brömme (noch LG Eintracht/ab 2016 TV Elz).


Stefan Kuhlee und der ehemalige 400-Meter-Läufer Falco Lausecker

Waren bis zu seiner schweren Verletzung die Olympischen Spiele in London der Fixpunkt, so lauten die Ziele für 2016: Team-DM, Vereins-EM und Qualifikation für die deutschen Meisterschaften mit der 4x100-Meter-Staffel. Ein „vernünftiges Niveau“ will Kuhlee erreichen. Dafür, das haben ihm die letzten Jahre gelehrt, muss er drei Monate lang bis zu fünfmal in der Woche trainieren, im Idealfall kommen zwei Sprint- und zwei Krafteinheiten zusammen. Einmal wird regenerativ trainiert. Bei Gelegenheit schließt sich Kuhlee der Trainingsgruppe seines alten Trainers Volker Beck an, absolviert einige Läufe mit Kamghe Gaba (LG Stadtwerke München/400 Meter). An Polizeimeisterschaften (bis zur Polizei-EM) nimmt Kuhlee weiterhin teil. In diesem Sommer erreichte er immerhin wieder 11,01 Sekunden über 100 Meter, wurde zusammen mit Brömme zum wiederholten Mal deutscher Polizeimeister mit der 4x100-Meter-Staffel. Kuhlees Bestzeit liegt bei 10,55 (2008). „Damals habe ich regelmäßig zweimal täglich trainiert. Das würde mein Knie heute nicht mehr aushalten. Außerdem hätte ich nicht genug Zeit zum Regenerieren. Aber ich lebe von den Ressourcen, die ich mir als Leistungssportler geschaffen habe.“ Bei hessischen oder deutschen Leichtathletik-Meisterschaften wird man Stefan Kuhlee trotzdem allerhöchstens als Staffelläufer erleben. „Ich muss mir nichts mehr beweisen. Jetzt sind Jüngere am Zug. Und wenn ich denen helfen kann, ein bisschen schneller zu werden, macht mich das genauso stolz wie wenn ich selbst auf dem Treppchen stehen würde.“

Als Freizeitsportler genießt Kuhlee eine Freiheit, die er als Leistungssportler nicht hatte. So zeigte er 2014 im Rahmen einer 3x1.000-Meter-Staffel für einen Sprinter erstaunliche Ausdauerqualitäten, lief den Kilometer in 2:42 Minuten. Bei einem Dreikampf sprintete er die 100 Meter in 11,13 Sekunden, sprang 6,76 Meter weit und stieß die Kugel auf 11,12 Meter. „Alles just for fun.“ Daneben probiert sich Kuhlee im Rudern, spielt ab und zu Volleyball und Handball. „Ich suche mir Nischen und merke, dass mir mit meiner leichtathletischen Grundausbildung viele Bewegungsabläufe leichter fallen. Und ich mag das Teamgefühl. Das kommt in einer Individualsport wie der Leichtathletik ja eher selten auf.“

Nebenberuflich leitet Stefan Kuhlee zweimal pro Woche Kurse in einem Frankfurter Fitnessstudio für Frauen. Seine Klientel ist buntgemischt. „Hausfrauen sind dabei, aber auch Leistungsorientierte.“ Alle sollen spielerisch ihre Grenzen erfahren. „Vielleicht auch ein bisschen darüber hinausgehen“, so der Inhaber der B-Trainer-Lizenz. Er sieht sich auch als Mahner, warnt vor falschen Schönheitsidealen und zu viel Optimierungsstreben. „Irgendwann hat man einen Blick dafür, was mit Training möglich ist und was unrealistisch aussieht.“

Tammo Lotz

 


20.10.2015