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Deutscher Marathonrekord in Frankfurt? Über Arne Gabius, Jörg Peter und Herbert Steffny


Arne Gabius (Foto: Victah Sailer)

Die Bühne ist bereitet, und im großen Ganzen geht es am nächsten Sonntag, 25. Oktober, nur um ein Thema: Läuft der 34-jährige Arne Gabius beim Frankfurt-Marathon einen neuen deutschen Rekord? Schnelle Kenianer und Äthiopier, ambitionierte deutsche Läuferinnen wie Lisa Hahner und Mona Stockhecke - alles gut und schön. Doch die mediale Aufmerksamkeit sowie jene der interessiert-ambitionierten Freizeitläufer dürfte Gabius gelten. Und damit mittelbar einem Mann, dessen Rekord seit dem 14. Februar 1988 Bestand hat: Jörg Peter. Vor 27 Jahren erreichte der DDR-Läufer beim Tokio-Marathon 2:08:47 Stunden, und dieser Zeit kam Gabius bereits im vergangenen Jahr in Frankfurt sehr nahe (2:09:32). hlv.de wirft einen Blick voraus auf den ältesten deutschen City-Marathon, der um 10 Uhr vor dem Messeturm beginnt.

Und in dessen Rahmen die nationalen Meisterschaften stattfinden. Wie richtig die Entscheidung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) gewesen ist, die Titelkämpfe 2015 nach Frankfurt zu veräußern, verdeutlicht der Blick in die Meldeliste: Mit 1.067 Läufer/innen wurde der 2014er-Wert von München mehr als verdoppelt.


Lisa Hahner (Foto: Victah Sailer)

Frankfurt ist zum sechsten Mal nach 1955, 1985, 1994, 1998 und 2001 Austragungsort der DM, und dieses Mal könnte es tatsächlich so sein, dass der/die schnellste deutsche Läufer/Läuferin des Jahres auch den Titel gewinnt. Bislang wird die DLV-Bestenliste von Philipp Pflieger (Regensburg/2:12:50) und der gebürtigen Äthiopierin und in Gelnhausen wohnhaften Fate Tola (2:28:24) angeführt; dass Gabius und Lisa Hahner (run2sky.com) schneller sein werden, ist einigermaßen wahrscheinlich. Gabius spricht davon, dass „eine Zeit zwischen 2:07 und 2:08 Stunden“ möglich sei, die 25-jährige gebürtige Hessin Hahner möchte ein bis zwei Minuten schneller sein als bei ihrem 2013er Finish in Frankfurt (2:30:14). So lautet ihre hoffnungsvolle Prognose. Die DLV-Olympianormen für Rio sind bei 2:12:15 bzw. 2:28:30 Stunden festgezurrt. Ansonsten bleibt zunächst festzustellen, dass sich die deutschen Marathonmeisterschaften schon seit vielen, vielen Jahren von anderen nationalen Leichtathletik-Titelkämpfen dadurch unterscheiden, dass nicht alle Besten der Besten dabei sein. So fehlen in Frankfurt: Anna Hahner, Fate Tola, Falk Cierpinski und Pflieger - alle waren vor vier Wochen in Berlin am Start -; zudem Sabrina Mockenhaupt (läuft am 15. November im spanischen Valencia) und Sören Kah. Julian Flügel (2:13:57 in Berlin) wird zwar in Frankfurt am Start sein, aber nur das Tempo für seinen Vereinskollegen Sebastian Reinwand (TSG Roth) anschlagen.


Jörg Peter in der Bildmitte, links daneben Hagen Melzer, rechts Karl-Heinz Leiteritz (Foto: Claus Dahms)

Auch Jörg Peter wird nicht vor Ort sein. Erinnert sich überhaupt noch jemand an den Mann, der den deutschen Rekord hält? Bei der Internetrecherche blinken drei Artikel über ihn auf, zehn bzw. fünf Jahre alte Personalstorys sowie ein zwei Jahre altes Interview. An diesem Freitag wird Peter 60 Jahre alt, seinen Geburtstag feiert er 24 Stunden später im Sportzentrum Riesa. Knappe zehn Kilometer entfernt von seinem Wohnort Leckwitz. „Ja“, sagt er, ich schaue mir das Frankfurter Rennen im Fernsehen an. „Wenn ich’s nicht verschlafe.“ Wie lange seine Feier dauern wird, ist offen, es kann lange dauern. Peter hat eine Einladung des Frankfurter Renndirektors Jo Schindler vorliegen, doch die Geburtstagsparty im Kreis von 60 geladenen Gästen geht vor. Und überhaupt, der Rekord. „Es ist doch schon erstaunlich, dass er so lange hält, oder?“ Zu DDR-Zeiten war Peter Europacupsieger über 10.000 Meter in persönlicher Bestzeit (1977/27:55,5 Minuten), damals ist er 22 Jahre alt gewesen. 1980 wurde er Sechster der Olympischen Boykottspiele von Moskau über 10.000 Meter, zudem sechsmal DDR-Meister (5.000 Meter bis Marathon). Seine größten Marathon-Erfolge feierte er mit Siegen in Hamburg (1990, 1991) sowie dritten Plätzen in Tokio (1988), Berlin (1990) und in Rotterdam (1992). Doch das Rennen, das ihn bis heute und gerade jetzt im Gespräch hält, ist der Marathon 1988 in Tokio. Und eben die Zeitspanne, die diese 42,195 Kilometer als deutscher Rekord überdauert haben. Als Anmerkung: Der Weltrekord lag seinerzeit bei 2:06:50 Stunden (Belayneh Dinsamo/Äthiopien), Peter war also vergleichsweise nahe dran an der absoluten Weltspitze. Zum Vergleich: Der Kenianer Dennis Kimetto ist aktueller Weltrekordhalter mit 2:02:57 Stunden (2014/Berlin).


Rechts Jörg Peter gemeinsam mit Herbert Steffny (Foto: Laufmagazin Spiridon)

In der Präambel des DLV zu seinen offiziellen Rekorden und Bestleistungen steht im ersten Satz: „In der nachfolgenden Rekordliste stehen nach heutigen Erkenntnissen einige Rekordhalter unter dem Verdacht, während ihrer leistungssportlichen Laufbahn gegen die Antidoping-Regeln verstoßen zu haben.“ Der Name Jörg Peter findet sich nicht in dem einschlägigen Standardwerk (Brigitte Berendonk, Doping - Von der Forschung zum Betrug, 1991) - doch welchen Wert haben die 2:08:47 Stunden von Peter tatsächlich angesichts des DDR-Staatplanthemas 14.25, des staatlich organisierten Dopings bis zum Fall der Mauer? „Ich habe mehr Dopingkontrollen über mich ergehen lassen als Arne“, sagt der deutsche Rekordhalter, der damals das Trikot des Sportclubs Einheit Dresden getragen hat. „Wir sind ständig und überall kontrolliert worden.“ Und seine Kontrollen, nicht nur jene von dem Rekordrennen, seien immer negativ gewesen. Peter erinnert sich noch gut, wie er in Tokio mit dem Sieger Abebe Mekonen (Äthiopien/2:08:33), Juma Ikangaa (Tansania/2:08:42) und dem viertplatzierten ehemaligen Weltrekordhalter Rob de Castella (Australien) zusammen saß und „um die Wette Bier getrunken“ hat. Erst dann floss der Urin. Protokolliert hat Peter die Dopingkontrollen im Laufe seiner Karriere nicht, im Gegensatz zu jedem Trainingskilometer seit seinem 14. Lebensjahr.

Doch was bedeutet das im Kontext einer Ära, in der zwischen Ost und West ein kalter Sportkrieg mit erlaubten und unerlaubten Mitteln geführt wurde? Eine „dopingumwobene Zeit“, wie Peter selbst sagt? Szenekenner wissen längst, dass die DDR-Funktionäre interne Kontrollen vornahmen, bevor ihre Athleten zu internationalen Wettkämpfen reisen durften. Wer wider Erwarten im direkten Vorfeld von Veranstaltungen positiv getestet wurde, musste zuhause bleiben. Was selten vorkam, denn hierfür war das medizinische DDR-Kontrollsystem zu perfekt organisiert. „Sport wurde in der DDR ja sehr wissenschaftlich betrieben“, hat Peter einmal gesagt. Interessant in diesem Zusammenhang: Bereits am 6. Dezember 1987 hatte er in Fukuoka (Japan) 2:11:22 Stunden erreicht, damit aber die DDR-Olympianorm für Seoul 1988 um 37 Sekunden verfehlt. Nur deshalb schickten ihn die Funktionäre bereits neun (!) Wochen später in das Tokio-Rennen. Die Trainingsfron sah dann wie folgt aus: Zwei Wochen Erholung, dann ging es in Dresden in die direkte Vorbereitung mit elf (!) 30-Kilometer-Läufen in 14 Tagen (locker, mit Tempowechseln oder schnellen letzten fünf Kilometern), anschließend gab es ein Höhentrainingslager in Addis Abeba (Äthiopien), wo wöchentliche Kilometerumfänge zwischen 185 und 282 auf dem Programm standen. Und auch eine Einheit mit 25 mal 400 Metern in 66 Sekunden sowie 200-Meter-Trabpausen von 77 Sekunden. Das Lauftalent Peter hat all dies noch durchgestanden und ausgehalten. Doch beim Karrierehöhepunkt in Seoul, dem fünften (!) Marathon innerhalb von 13 Monaten, gab er auf. Das Aus kam nach 35 Kilometern, die rechte Achillessehne. „Eine Überlastungserscheinung“, sagt er. In seinem 18. Marathonrennen erreichte er erstmals nicht das Ziel. Die Enttäuschung saß tief, doch zwei Jahre später lief er in Berlin nochmals eine nationale Glanzzeit (2:09:23). Heute ist der Inhaber einer seit 1963 im Familienbesitz befindlichen Rohstoffrecycling-Firma gesundheitlich nicht voll auf der Höhe. 2014 musste Peter zweimal am Bauch operiert werden, nachdem er zuvor drei Jahre lang unerklärliche Schmerzen und Fieber hatte; 2015 folgte eine Knieoperation, eine weitere OP an diesem Gelenk ist nicht ausgeschlossen.


Herbert Steffny (Foto: Gustav Schröder)

Vielleicht gibt es keinen besseren Marathon-Kenner als Herbert Steffny. Der mittlerweile 62-Jährige hat dreimal den Frankfurt-Marathon gewonnen (1985, 1989, 1991), er war EM-Dritter (1986), Dritter in New York (1984) und Fünfter in Chicago (1986) mit persönlicher Bestzeit von 2:11:17 Stunden. Mit dieser Zeit ist der Autor der Laufbibel „Das große Laufbuch“ auf Platz zehn der ewigen deutschen Bestenliste notiert. Fast 30 Jahre nach seinem schnellsten Rennen, die seitherige internationale Leistungsentwicklung ist - aus unterschiedlichen Gründen - bekanntlich an den deutschen Marathonläufern vorbeigerauscht. Steffny, Diplom-Biologe aus Trier, war zudem jahrelang als ARD-Fachkommentator aktiv. „Wer weiß schon, wie weit man sauber kommt?“, erwidert er, als das Gespräch auf den deutschen Rekord kommt. „Ich hätte 2:09 erreichen können, und warum sollte es keine größeren Talente geben als mich? Und warum sollte kein Deutscher 2:06 Minuten laufen?“ Steffny, dessen DM-Sieg von 1985 in Frankfurt (2:12:12) weiterhin die zweitschnellste Zeit in einem Meisterschaftsrennen hinter Carsten Eich (2:10:22/1999 in Hamburg) bedeutet, hält Leistungsfortschritte in Deutschland durchaus für möglich. Auf saubere Art und Weise.

„Arne geht stur seinen Weg und hört auch zu. Er hat das Thema Marathon gut in den Griff bekommen und scheint von der Mentalität und Psychologie her mittlerweile ein Marathonläufer zu sein.“ Obwohl Frankfurt 2015 erst das zweite Marathonrennen von Gabius ist, seine Bahnkarriere hat er mit dem 10.000-Meter-Rennen bei der WM in Peking beendet. „Ich bin selbst gespannt, was Arne erreichen wird“, sagt Steffny. Sein Tipp: „Nicht in Richtung 2:07 oder 2:08, sondern demütig in Richtung 2:09 anlaufen. Und wenn er sich gut fühlt, kann er auf der zweiten Streckenhälfte eine Minute gutmachen.“ Fachleute sprechen von einem negativen Split. Steffny, der in seiner Karriere vieles richtig und einiges falsch gemacht hat, ist vorsichtig skeptisch bezüglich der Trainingsinhalte des Marathon-Rekordhalters Peter. „Elf Läufe über 30 Kilometer in 14 Tagen, das kenne ich so nicht. Aber auch nicht die Intensitäten, die er damals absolviert hat.“ Mindestens eine Schlüsselfrage bleibe dennoch offen angesichts dieses Mammutprogramms, auch nach 27 Jahren. „Wie kann man dabei noch regenerieren?“

Uwe Martin

 


22.10.2015