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Frankfurter Marathon-Renndirektor Schindler fordert: Drei deutsche Männer und Frauen für Rio


Lisa Hahner: Bestzeit und doch neun Sekunden zu langsam für Rio 2016 (Fotos: Helmut Schaake)

Die Leichtathletik-Wettbewerbe bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio beginnen erst in knapp neuneinhalb Monaten - und doch war das alle vier Jahre stattfindende Großereignis bei der After-Race-Pressekonferenz des 34. Frankfurt Marathon in aller Munde. Zum einen verbesserte der Hamburger Mediziner Arne Gabius in 2:08:33 Stunden den 27 Jahre alten deutschen Rekord des Dresdners Jörg Peter (2:08:47) und kann schon jetzt für Rio planen. Zum anderen blieb die Bestzeit laufende deutsche Meisterin Lisa Hahner (2:28:39) neun Sekunden über dem deutschen Richtwert für Rio. Das nutzte der Frankfurter Renndirektor Jo Schindler, um seine Kritik am Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zu erneuern und seine Forderung bezüglich der deutschen Präsenz in den olympischen Marathonwettbewerben zu erweitern. Sprachen Schindler und mit ihm die vier weiteren großen deutschen Marathonveranstalter (Berlin, Hamburg, Köln und München) nach dem Berliner Rennen von einer Startmöglichkeit für den Regensburger Philipp Pflieger (2:12:50/DLV-Norm: 2:12:15), so sagte Schindler jetzt: „In Rio sollen drei deutsche Männer und Frauen am Start sein.“ Die Leistungen der aufstrebenden deutschen Athleten dürften nicht nur vom Schreibtisch aus beurteilt werden, so Schindler. Und weiter: „Der deutsche Laufsport hat es verdient, Zeichen zu setzen, wenn die Zeiten stimmen." Laut Schindler hätte eine starke deutsche Fraktion in Rio „positive Auswirkungen im Nachwuchsbereich". Sonst würde sich, so der Frankfurter Renndirektor, die Szene zurückentwickeln, wenn es aussichtslos sei, sich für große Wettkämpfe zu qualifizieren. Ein Vertreter des DLV, der dazu direkt hätte Stellung nehmen können, nahm an der besagten Pressekonferenz nicht teil.

Unterstützung bekam Schindler in dieser Diskussion von Gabius und Herbert Steffny, dem Marathon-EM-Dritten von 1986 und ausgewiesenen Kenner der Marathonszene. So führte der neue deutsche Rekordmann aus: „Mit hohen Normen nimmt der DLV dem Nachwuchs die Chance zu überraschen. Wenn die Normen niedriger sind (Anm.: die Norm des Internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF sowie des Internationalen Olympischen Komitees IOC liegt bei 2:17 Stunden), dann entsteht Wettbewerb, dann steigt die Risikobereitschaft, das Studium oder den Job für eine begrenzte Zeit zurückzustellen.“ Eine Qualifikationsleistung an eine Endkampfchance (bis Platz acht) zu koppeln, hält Gabius für diskussionswürdig. „Das wäre für mich so ähnlich wie wenn der DFB sagen würde, dass die Fußball-Nationalmannschaft nur zur EM darf, wenn sie alle Qualifikationsspiele klar gewinnt. Oder aber Boris Becker in Wimbledon 1985 nur hätte starten dürfen, wenn mindestens das Achtelfinale realistisch gewesen wäre.“ Nur zur Erinnerung: Der damals 17 Jahre alte Becker gewann damals das große Rasenturnier in dem Londoner Stadtteil als erster ungesetzter Spieler überhaupt.

Steffny wies auf die hohe Zahl an Läufern im DLV, der aktuell über 800.000 Mitglieder verfügt, hin. Eine andere Statistik spricht von etwa 95.000 Teilnehmern pro Woche an organisierten Lauf- und Nordic-Walking-Treffs. „Diese Sparte sollte bei spitzensportlichen Großereignissen besser als in der Vergangenheit repräsentiert werden, vor allem wenn es sich um junge Läuferinnen und Läufer mit Perspektive handelt.“ Der jungen Generation um den gebürtigen Hessen Julian Flügel (TSG Roth/Bestzeit: 2:13:57) traut Steffny einiges zu: „Ich habe den Eindruck, dass sie die Zeiten von Gabius als Inspiration sehen und nicht an ihnen zerbrechen.“


Arne Gabius: „Für diesen Tag habe ich 20 Jahre lang gearbeitet“

Das Stichwort Inspiration griff auch Marathon-Bundestrainerin Katrin Dörre-Heinig, dreimalige Frankfurt-Siegerin (1995 bis 1997) und Olympia-Dritte von 1988, im Vorfeld des diesjährigen Frankfurt Marathons auf. „Am Beispiel von Arne Gabius sieht man, was möglich ist. Ich finde es sinnvoller, Arnes Leistungen als Inspiration zu sehen anstatt über Normen zu diskutieren oder darüber zu spekulieren, ob die Konkurrenz gedopt ist.“ Steffny gab der Bundestrainerin in der Hinsicht Recht, dass er sich von den deutschen Läufern im Großen und Ganzen mehr Unbedarftheit wünscht, sagte aber auch: „Man sollte jetzt Arne Gabius nicht als alleinigen Maßstab nehmen. Das wäre gefährlich.“

Lisa Hahner wollte sich an einer Norm-Debatte nicht beteiligen. „Ich bin neue Bestzeit gelaufen, mehr ging heute nicht. Die Olympia-Norm ist mir gerade so egal.“ Die 25-Jährige deutete an, dass sie einen Frühjahrs-Marathon laufen werde, allein aus dem Grund, um eine weitere Bestleistung aufzustellen. Ähnlich denkt Philipp Pflieger: "Mir bleibt ja auch nichts anderes übrig." Der Athlet von Trainer Kurt Ring ist mitten in den Planungen, er favorisiert einen Februar-Termin. "Vermutlich in Japan, aber ich muss das Feedback der Veranstalter abwarten."

Der Nominierungszeitraum für den olympischen Marathon läuft noch bis zum 1. Mai 2016. Lisa Hahner hofft, dass sie und ihre Schwester Anna (in Berlin 2:30:19) in Brasilien am Start sein werden. Und darauf, "dass es besser läuft als beim letzten Mal". Was Lisa Hahner damit meinte: Vor drei Jahren lief Anna Hahner in Düsseldorf 2:30:14 Stunden - und verpasste den Richtwert für die Spiele in London um 14 Sekunden.

Nach dem Rennen sendeten DLV-Präsident Clemens Prokop und DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska zumindest positive Signale in Richtung Lisa Hahner. Unter Berücksichtigung der Marathon-Spezifik können sie sich vorstellen, die deutsche Marathonmeisterin für ihre Leistung mit einem Einzelfall-Antrag beim DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) für die Olympischen Spiele vorzuschlagen.

Tammo Lotz

 


26.10.2015