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Last man standing - Altmeister Horst Jendrasch verkürzt den Frankfurt-Marathon um sechs Kilometer


Horst Jendrasch (Foto: Frankfurt-Marathon)

Horst Jendrasch, 79 Jahre alt, ist eine Legende beim Frankfurt-Marathon. Seit 1981, dem Gründungsjahr des ältesten deutschen Stadtmarathons, ist der ehemalige Briefzusteller aus Kelkheim im Taunus dabei, am vorvergangenen Sonntag ist er zum 34. Mal ins Ziel gekommen. Das hat außer ihm niemand geschafft in Frankfurt. Seine persönliche Bestzeit, lang ist´s her, lief Jendrasch im Jahr 1983 in 2:59 Stunden. Mittlerweile läuft Jendrasch nicht mehr, er geht, und das recht langsam, den Oberkörper nach vorne gebeugt. So langsam, dass ihn der Fahrer des Besenwagens bei Kilometer 25 aus dem Wettkampf nehmen wollte, ihm sagte, dass das Zwischenzeitlimit überschritten war. Das heißt: Einstieg in den BMW oder weiter in eigener Verantwortung. Die maximale Laufzeit für die 42,195 Kilometer ist in Frankfurt bei sechs Stunden (netto) angesetzt, eine gute halbe Stunde gibt Renndirektor Jo Schindler inoffiziell oben drauf.

Doch schon nach 20 Kilometern hatte der Senior mit 3:14:21 Stunden mehr als die Hälfte des Limits aufgezehrt. Wenig später rutschte er aus der elektronischen Datenbank. Bei der Halbmarathonmarke wurde er mit 3:25:10 Stunden noch erkannt, ebenso bei Kilometer 25 (4:05:31 Stunden). Und laut der Zeitmessfirma Mika Timing (Bergisch Gladbach) dann zunächst letztmals bei Kilometer 27,5 im Stadtteil Höchst. Dann verliert sich seine Spur, sein Chip wird bei den Messpunkten 30, 35 und 40 Kilometer nicht mehr registriert, zu sehen war er erst wieder in der Leinwand-Preview unmittelbar vor der Festhalle und dann im Ziel mit einer Netto-Endzeit von 6:27:19 Stunden. Jendrasch ist aufgrund seines Alters und seiner Vorschichte auch im TV-Beitrag des Hessischen Rundfunks (HR) ein Thema gewesen. „… und irgendwie auf märchenhafte Weise hat er das Ziel doch noch erreicht“, textete der HR-Journalist Bernd Arnold auf die Bilder. Märchenhaft?


Die Zeitmessung aus dem Jahr 2015 (Foto: Sreenshot Frankfurt-Marathon)

Jeder, der sich die Zwischenzeiten des 34. Frankfurter Wettkampfs von Jendrasch angesehen hat, bemerkte, dass das nicht mit rechten Dingen zugegangen sein konnte. Die Zahlen gaben es schlichtweg nicht her. Einen negativen Split von 23 Minuten realisiert niemand, außer er besucht in der ersten Streckenhälfte mehrmals die Dixi-Toilette. Was Jendrasch nicht getan hat. Und zunächst hatte auch nichts auf eine rasante Beschleunigung hingedeutet. Für die ersten fünf Kilometer benötigte er 45:40 Minuten, dann folgten 49:40, von Kilometer zehn bis 15 dauerte sein Marsch 49:52 Minuten, die vorletzte offizielle Messung registrierte einen Teilabschnitt von 49:09 Minuten, von Kilometer 20 bis 25 wurden 40:21 Minuten ermittelt. Dann gab es nur noch Sternchen hinter den Zwischenzeiten, das heißt Hochrechnungen. Doch was hatte Jendrasch gemacht? War er in der Oeserstraße in die S-Bahn eingestiegen und hatte sich damit die kräftezehrende und zeitraubende Mainzer Landstraße auf dem Rückweg in die Innenstadt erspart? Anruf in Kelkheim.

Ans Telefon geht ein gut gelaunter und auskunftsfreudiger alter Mann. „Ich sage Ihnen gerne, was los gewesen ist“, antwortet Jendrasch. „Ich habe nichts zu verschweigen.“ Seine Geschichte geht so: Nachdem ihm der Besenwagenfahrer freundlich die Aufgabe nahe gelegt habe, sei er einfach auf Bürgersteigen weitergegangen und so nicht über die Messmatten gekommen, die letzte Innenstadtrunde, etwa von Kilometer 35 bis 41 Kilometer habe er komplett weggelassen. Sein Weg führte also in etwa von der Europa-Allee direkt zur Festhalle. Sechs Kilometer gespart. „Ich habe es versucht, bin so weit gelaufen, wie ich konnte.“ Der Marathon am 25. Oktober war womöglich der eine zu viel, auch weil er zu wenig trainiert hatte, zumindest weniger als die ansonsten üblichen etwa 200 Kilometer im Monat. „Ich habe eine kranke Frau und hatte weniger Zeit“, sagt er. Mittlerweile ist der Läufer vom TuS Hornau aus der Finisher-Ergebnisliste 2015 gestrichen worden, „da will ich auch gar nicht hinein“. Auch weil er nicht möchte, „dass die Läufer hinter mir benachteiligt werden“.


Die Zeitmessung aus dem Jahr 2014 (Foto: Screenshot Frankfurt-Marathon)

Wie soll man dieses Outing von Jendrasch nun bewerten? Was hat ihn dazu getrieben, mit allen Mitteln ins Ziel zu gehen? Obgleich er wusste, dass es letztlich nur ein schöner Schein, jedenfalls kein komplettes Marathonrennen gewesen ist? Fragezeichen, die nichts daran ändern, dass eine absolvierte Tageskilometerleistung von 35 Kilometern aller Ehren wert ist und seine Lebensleistung weiterhin Bestand hat. Jendraschs Antwort: „Ich habe in meinem ganzen Leben noch in keinem Besenwagen gesessen.“

Doch bereits bei seinem 2014er-Rennen gab es zeitliche Ungereimtheiten - wenn die von Mika Timing veröffentlichten Zahlen stimmen. Wovon auszugehen ist. Zum einen ist seine Halbmarathonzeit (3:33:49 Stunden) mit einem Sternchen versehen, es handelt sich wiederum um eine Hochrechnung. Interessant sind die nachfolgenden 5-Kilometer-Abschnitte. Von Kilometer 20 bis 25 benötigte der Kelkheimer unglaubliche 37:30 Minuten, von Kilometer 25 bis 30 sogar sensationelle 30:04 Minuten. Zeiten, die Jendrasch unmöglich realisieren konnte. Denn seine anderen 5-Kilometer-Splits haben eine Schwankung von 46:43 bis 53:55 Minuten. Die Zielzeit vor einem Jahr lautete übrigens 6:34:03 Stunden. Was sich ungefähr deckt mit den Werten aus den Jahren 2013 (6:37:47) und 2012 (6:32:39). Erst im Jahr 2011 fällt mit 6:09:39 Stunden eine extreme Leistungskorrektur auf. „Im vergangenen Jahr bin ich korrekt über die Halbmarathon-Matte gelaufen“, sagt Jendrasch.

Und die Aussichten für 2016 sind gleichfalls heiter bis wolkig. „So wie es dieses Jahr gelaufen ist, macht es keinen Sinn“, sagt Jendrasch. „Ich laufe ja für mich und nicht für die anderen.“ Vielleicht ist er vernünftig und lässt es sein. Vielleicht versucht er es wieder. Sicher ist derzeit nur Folgendes. Beim Frankfurt-Marathon gibt es seit seinem Outing keinen Läufer mehr, der alle Wettkämpfe seit der Premiere im Jahr 1981 regulär gefinisht hat. Jendrasch mit der ewigen Startnummer 157 ist bis zum Rennen vor etwas mehr als einer Woche der letzte Dauer(b)renner gewesen.

Uwe Martin

 


02.11.2015