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Ausstieg und Umstieg: Kim Kalicki und Ann-Christin Strack sind jetzt im Bob unterwegs


Kim Kalicki und Ann-Christin Strack (Foto: privat)

2011 war ein überragendes Wettkampfjahr für Kim Kalicki. Über 100 Meter lief die damals 14-jährige Wiesbadenerin 12,44 Sekunden und damit fast genauso schnell wie die ein Jahr ältere Lisa Mayer (12,32) - bekanntlich wurde die Mittelhessin im zurückliegenden Sommer deutsche U20-Meisterin über 100 und 200 Meter und sprintete über die kürzere Distanz bei der U20-EM auf Platz zwei. Karriereprognosen sind immer eine schwierige Sache, doch als großes Talent durfte Kalicki seinerzeit ohne Widerspruch bezeichnet werden. In der W14 führte sie die hessische Bestenliste über 100 Meter, über 80 Meter Hürden (11,83), im Diskuswerfen (31,11) sowie im Blockwettkampf Wurf (2.775 Punkte) an. Mit dieser Leistung wurde sie Zweite der deutschen Schülermeisterschaften. Etwas mehr als vier Jahre später ist Kalicki aus dem leichtathletischen Blickfeld verschwunden. Wie auch die ehemalige Top-Nachwuchs-Hürdensprinterin Ann-Christin Strack (LAZ Gießen/Jugend-DM-Zweite 2012) und Costa Laurenz (ebenfalls Gießen), der 2012 bei den nationalen U20-Titelkämpfen über 100 und 200 Meter auf dem Podest stand. Seine Bestzeiten: 10,73 und 21,39 Sekunden. Gemeinsam ist allen drei, dass sie der Leichtathletik frühzeitig verloren gegangen und mittlerweile im Eiskanal tätig sind.

Die Abnabelung hat bei Kalicki etwa achtzehn Monate gedauert. Am 2. Juni 2013 lief sie die 100 Meter in Friedberg in 12,36 Sekunden, ein Jahr später die 100 Meter Hürden in 14,71 Sekunden. Am 20. Mai 2014 in Ginsheim . Es war ihr letzter Leichtathletik-Wettkampf. „Die Form ist meistens da gewesen“, meint Kalicki rückblickend. „Doch ich bin viel krank gewesen, konnte deshalb viele Wettkämpfe überhaupt nicht absolvieren und habe schließlich die Lust verloren.“ Doch ohne Leistungssport habe sie es nur vier Wochen ausgehalten. So probierte sie es zunächst mit „ein bisschen Training“, doch das war nicht ihr Ding. „Bei mir geht nur ganz oder gar nicht.“ Also ganz. Im Winter 2014 hat sie im Sauerland in Winterberg das Abenteuer Bobfahren in Augenschein genommen, im darauf folgenden August losgelegt. Ebenfalls in Winterberg. Anfangs als Anschieberin, auch Bremserin genannt, wenige Wochen später meinte Assistenz-Bundestrainer René Spies: „Schieb doch mal von vorne.“ Selbstverständlich mit einem sogenannten provisorischen Einstieg in den Eiskanal, die Fahrt führte also nicht über die komplette Strecke. Aus der Anschieberin Kalicki wurde die Pilotin Kalicki, die jüngste in der deutschen Bob-Historie.


Christoph Langen, Ann-Christin Strack, Kim Kalicki und Maureen Zimmer (Foto: privat)

Mittlerweile gibt es ein Bobteam Kalicki mit einer eigenen Facebook-Seite, und auf den Fotos ist auch Ann-Christin Strack zu sehen. Sie wurde im vergangenen Winter von Tim Restle angesprochen, ob sie nicht Lust habe, sich mal als Anschieberin zu versuchen. „Ich wurde hin und her geschüttelt, konnte den Kopf kaum ruhig halten und hatte Tage danach noch heftigsten Muskelkater“, berichtete Strack der „Gießener Allgemeine“ über ihren Einstieg in den Bobsport. Der Mann, der ihr Comeback in einer anderen Sportart angeschoben hatte, ist schon zu Schülerzeiten der Coach von Kalicki gewesen. Mittlerweile ist Restle im Hessischen Bob- und Schlittensportverband als Landestrainer Athletik tätig. Zum Bobteam Kalicki gehört mit Maureen Zimmer vom Königsteiner LV übrigens auch eine aktive Leichtathletin. Zimmer wurde Anfang Juli hessische U20-Meisterin über 100 Meter.


Kim Kalicki im Jahr 2011 (Foto: Restle)

Und während Laurenz sowie der ehemalige Sprinter Issam Ammour (LG Wetzlar) demnächst den Einstieg ins Bobgeschäft wagen und mit Diskuswerfer Nils Kollmar (TSV Frankenberg/2014 Junioren-DM-Siebter im Viererbob) schon der nächste hessische Leichtathlet in den Startlöchern steht, hat das Bobteam Kalicki bereits glänzende Referenzen eingefahren. Ende September erreichte das Duo Kalicki/Strack (BSC Winterberg/BRC Michelstadt) beim internationalen Startwettkampf auf der Indoor-Eisstrecke im thüringischen Oberhof den zweiten Platz hinter Vizeweltmeisterin Anja Schneiderheinze (Erfurt). Der Rückstand nach zwei Läufen: zwei Hundertstelsekunden. „Kim und Ann-Christin haben ihre athletischen Fähigkeiten erneut unter Beweis gestellt“, sagte Christopher Braun, Stützpunkttrainer Bob des Nordrhein-Westfälischen Bob- und Schlittensportverbandes, nach dem Wettkampf.

Quasi als Belohnung wurden die beiden Hessinnen zum USA-Lehrgang der deutschen Bob-Nationalmannschaft vom 10. bis 18. Oktober nach Lake Placid eingeladen. Direkt nach der Rückkehr unterzog sich die 18-jährige Kalicki einer Mandeloperation, die überfällig war und keinen Aufschub duldete. Sofern ihre Genesung planmäßig verläuft, wird es dann vom 16. bis 21. November bei der DM in Altenberg (Sachsen) ernst. Denn anschließend nominiert Cheftrainer Christoph Langen die Teams für die Europacup-Rennen. Die erste Qualifikation in der vergangenen Woche auf ihrer „Heim-Bahn“ in Winterberg hatte sie aufgrund der Operation absagen müssen. „Nach der krankheitsbedingten Pause wird Kim bei der DM noch nicht mit voller Kraft anschieben können“, sagt Restle. „Aber sie wird weitere wichtige Erfahrungen über die volle Renndistanz sammeln.“ Und sich für die Selektionsrennen am 13. Dezember in Winterberg in Schwung bringen. Dann geht es für Kalicki/Strack nämlich um die Teilnahme an der Junioren-WM Mitte Januar 2016. Die findet ebenfalls im sauerländischen Eiskanal statt.

Uwe Martin

 


06.11.2015