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Ballern.


Florian Neuschwander (Foto:Facebook, schneider outdoor visions)

Vor etwas mehr als einem Jahr war Florian Neuschwander keine wirklich große Nummer in der deutschen Szene. Nicht unbedingt ein Läufer unter vielen, dafür war er zu ausdauernd und zu schnell. Aber längst nicht erste Wahl in der Promi-Skalierung. Dort steht Sabrina Mockenhaupt weiterhin hoch im Kurs, wobei gerne vergessen wird, dass sie ihre beste Karrierezeit hinter sich haben dürfte. Und sich, wie bei der DM in Nürnberg nach ihrem zweiten Platz über 5.000 Meter, mit einer Ehrenrunde in den Blickpunkt rückt, wenn diese eigentlich der Siegerin Alina Reh alleine zugestanden hätte. Dank ihres geschäftstüchtigen Managers Thomas Dold beherrschen auch die Hahner-Marathon-Twins Anna und Lisa alle Tasten der Marketing- und PR-Klaviatur, ganz im Sinne ihrer Sponsoren. Gesa Krause von der LG Eintracht Frankfurt spielt im Umfeld der Freizeit-, Hobby- und Fitness-Laufszene keine bedeutende Rolle, was angesichts ihrer Erfolge, Zeiten und sympathischen Ausstrahlung der Nischendisziplin 3.000 Meter Hindernis geschuldet sein dürfte. Zuletzt rockte der Hamburger Arne Gabius die nationale Langlaufszene, als er in Frankfurt den deutschen Marathonrekord auf 2:08:33 Stunden verbesserte. Hingegen verblasst der Ruhm einstiger Ikonen wie Dieter Baumann und Herbert Steffny zusehends. Jüngere Lauf-Begeisterte können mit ihnen nichts anfangen. Und Neuschwander? Achtung, jetzt wird geballert!


Florian Neuschwander bei der 100-Kilometer-WM (Foto: Heiko Krause)

Ballern ist eines der Lieblingswörter des 34-Jährigen. Neuschwander ist im Saarland (Neunkirchen) geboren, lebt und arbeitet seit Juli 2014 in Frankfurt und startet für Spiridon Frankfurt. Genau genommen benötigt er lediglich einen DLV-Startpass, ein Verein kommt dabei eben zwangsläufig ins Spiel. Aber eigentlich läuft Neuschwander nur für sich selbst. Einen wie ihn - Oberlippenbart wie sein Idol Steve Prefontaine, Ray-Ban-Brille, großflächiges Tattoo auf dem rechten Oberarm - kann kein Marketingstratege erfinden. Er ist einfach da, irgendwie entstanden. Und echt. Ein cooler, eher zurückhaltender Typ, von dem man keine gestanzten PR-Floskeln hört. „Neuschwander ist der Rockstar unter den Läufern“, hat das Magazin „Runner’s World“ kürzlich geschrieben. Da ist etwas dran. Jedenfalls lässt er sich in keine Schublade kategorisieren. Laufen, allein mit dem Ziel schneller zu werden, ist längst nicht mehr sein Ansatz. Neuschwander will mehr, er sucht Inspiration und immer neue Ziele. In der Höhe, in anderen Ländern, auf ungewohntem Terrain; auf Asphalt, Wald-, Strand- oder Trail-Pfaden. Er will laufend Dinge tun, die er noch nicht getan hat. Womöglich ist es dem Autodidakten und Freigeist viel zu langweilig, strengstens kontrolliert wie der Mediziner Gabius monatelang einen vorgegebenen Trainings-, Ernährungs- und damit Lebensplan zu erfüllen. Was nicht heißt, dass er sich nicht permanent quält, sich komplett verausgabt. Eben ballert. „Mein Training ist ein täglicher Griff in die Wundertüte. Nicht mal ich weiß vorher, was am Ende dabei herauskommt.“


Auf der Wettkampfstrecke, am Main entlang (Foto: privat)

Doch es hat ein anderes, cooleres Flair als der Leistungsfetischismus anderer Topathleten. Auf seinem Laufshirt steht „Run with the Flow“, dieser Slogan ist von ihm, und damit ist er außerordentlich erfolgreich. Im Mai hat er beim Wettbewerb „Wings for Life“ in Darmstadt 74,56 Kilometer zurückgelegt, erst dann schnappte ihn das sogenannte Catcher Car. Damit wurde Neuschwander Gesamtsechster in den weltweit 35 Rennen in 33 Ländern, die zeitgleich stattfanden. Unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit gewann er im Sommer den Transrockies Run im US-Bundesstaat Colorado, ein Sechs-Tage-Rennen über 200 Kilometer mit 6.000 Höhenmetern, hinauf bis auf 3.800 Meter. Und dann, im September, wurde er Neunter der 100-Kilometer-Weltmeisterschaften in Winschoten (Niederlande) nach 6:49:13 Stunden, seitdem träumt er vom deutschen Rekord (6:24:29). Doch am 6. Dezember startet er zunächst einmal bei den Weltmeisterschaften im Xterra Trail Running auf Hawaii, ein Halbmarathon. „Ich habe meinen eigenen Kopf und mache am liebsten, wonach mir ist“, sagte er „Runner’s World“.

Neuschwander, abgebrochenes Sportstudium und gelernter Einzelhandelskaufmann mit einem Dreitagejob im Frankfurter Laufshop bei Jost Wiebelhaus, ist ein Mann der bisweilen rauschaften Extreme und zugleich nahbar wie der übergewichtige Laufnachbar XY. Und längst eine Marke. Möglich wurde dies durch das soziale Netzwerk Facebook, seine Seite hat mittlerweile 13.377 Fans. Zum Vergleich: Mockenhaupt (35.668). Anna und Lisa Hahner (32.642), Gesa Krause (11.555), Gabius (7.398), Katharina Heinig (1.043). Was Neuschwander von fast allen anderen Top-Läufern unterscheidet: Er lässt die Community an seinem Leben teilhaben. Nicht nur am Training mit Protokollen von Übungseinheiten, sondern mit Videos beim Kochen und Grillen („Gott lenkt, der Saarländer schwenkt“), dann wieder schwenkt die Kamera durch seine WG in Frankfurt-Nied und man entdeckt Gitarren, auch mit einer Helge-Schneider-Parodie ist er schon am Start gewesen. Und Neuschwander lässt sich beim Training in Amerika filmen, wie er zum x-ten Mal scheinbar sinnlos einen Sandhügel hochrennt, einfach nur so, weil er Bock darauf hat. Und er gibt erklärende Nachhilfe bei der Erkundung des Trainingscamps der Universität Oregon, wo vor 40 Jahren die US-Legende Prefontaine für Aufsehen gesorgt hat. Neuschwander ist kein beliebiger Protagonist, der sich via Facebook ständig in Szene setzt, um Sponsoren zu gefallen. Davon gibt es ohnehin schon zu viele unter den national ambitionierten Läufern. Neuschwander hingegen sagt, wie er sich wirklich fühlt, postet Fotos mit Weizenbiergläsern, auch auf Instagram.


Vor dem Start beim Wings-for-Life-Run in Darmstadt (Foto: Veranstalter)

In einem breitensportlichen Umfeld, das sich bei Jüngeren zunehmend über Lifestyle, Sportreisen und an den eigenen Möglichkeiten definiert, gibt Neuschwander Halt. Hallo, ist das nicht einer wie wir, einer von uns? Kürzlich hat er die deutsche Junioren-Bestenliste von 2001 gepostet, im 10 Kilometer Straßenlauf war er seinerzeit Sechster in 30:24 Minuten. Gabius Zehnter (30:52). Der Jahresbeste Terefe Desaleng (LG Eintracht Frankfurt/29:00) ist längst abgetaucht, Alexander Lubina (TV Wattenscheid/29:18) hat seine Karriere beendet, bei Volker Fritzsch (Leipzig), Michael May (Leverkusen) und Jan Förster (Berlin), auch sie waren vor 14 Jahren schneller, hat sie nie richtig begonnen. Neuschwander läuft immer noch. Auf hohem Niveau. Wann und wo er will. Und mit extrem viel Lust. Aber nicht immer.

„Manchmal habe auch ich keinen Bock. Heute war so ein Tag“, schrieb er am 17. November bei Facebook. „Raus gehe ich dann trotzdem, aber bei dem ätzenden Wetter richtig lange draußen rumlaufen ist nichts für mich.“ Die Hahners hätten womöglich noch mit total durchnässten Klamotten ihr Standardsätzchen „Ich liebe Marathon“ in das Mikrophon gesäuselt. Nicht so Neuschwander, er liebt es authentisch. Auch am 4. November („BAAAAAM. Heute: Trainings-Halbmarathon in 1:15:25 Stunden, Schnitt 3:34 min/km. Recht entspannt. Gestern Abend: drei kleine Bierchen.“). Einen Tag später heißt es: „Morgen renne ich vielleicht 30 Kilometer. Jetzt gibt’s erst mal Burger und Kino.“ Facebook ist seine Kommunikations-Plattform, hier bietet der Selfmade-Runner auch Dates zum Mitlaufen an. Etwa am 6. November: „Run with the Flow? Heute Abend Lust auf ein spontanes Läufchen? Wer Bock auf einen zügigen 10 Kilometer Dauerlauf, Tempodauerlauf oder Trainingswettkampf hat …“

Sein neuestes Projekt auf seiner Homepage ist ein Online-Shop. Derzeit im Angebot: Eine Einkaufstasche, die Flo Bag, für 9,95 Euro, das Flow Shirt (19,95 Euro) und ein Flow Button (0,95 Euro). Aus dem Spaß-Läufer ist jetzt auch noch ein Geschäftsmann geworden. Nun ja, zunächst ein Kleinunternehmer nach §19 (1) UStG, wie es auf der Homepage heißt.

Uwe Martin


 


18.11.2015