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Vor dem Darmstadt-Cross: Sarah Kistner bleibt vielseitig und plant langfristig


Sarah Kistner siegte 2014 in Darmstadt (Foto: privat)

Es gibt sie noch. Leistungssportler, die nur durch ihre sportliche Leistung auffallen. Keine beliebigen Facebook-Aufmerksamkeitshaschereien, keine Model-Aufnahmen, also keine mehr oder weniger belanglose Eigen-PR. Die 17 Jahre alte Sarah Kistner vom kleinen MTV Kronberg vor den Toren Frankfurts gehört in diese Kategorie. Ihre Hobbies mountainbiken und backen teilt sie mit vielen Teenagern. Im Laufen aber können ihr nur wenige folgen. Kistners große Stärke ist ihre Vielseitigkeit. 2014 Berglauf-Weltmeisterin mit dem U20-Team und Platz zwei im Einzel, Cross-EM-Dritte im Team, dazu in der U18 DM-Dritte (3.000 Meter) und der hessische Rekord über 10 Kilometer (35:39 Minuten). 2015 am Berg Doppel-Europameisterin (U20 Einzel und Team), U20-EM-Fünfte über 5.000 Meter (16:31,92), deutsche Jugendmeisterin (5.000 Meter, Berg), dazu Jugend-DM-Zweite (Cross) und -Dritte (3.000 Meter) sowie der hessische U20-Rekord über 10 Kilometer (33:38/Platz fünf in der ewigen hessischen Bestenliste). Ihr Ticket zur Cross-EM am 13. Dezember in Hyères (Frankreich) will Kistner nach Platz drei vor einer Woche in Pforzheim am Sonntag in Darmstadt absichern.

Dass dies der angehenden Abiturientin gelingen wird, daran zweifeln die wenigsten. Sechs Läuferinnen wird der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) in der U20 zur Nominierung vorschlagen, darunter die Siegerin aus Pforzheim, Konstanze Klosterhalfen (Bayer Leverkusen), sowie die zweitplatzierte Alina Reh (TSV Erbach), die Cross-EM-Vierte von 2014. Auch Sarah Kistner und Anna Gehring (SC Itzehoe) haben gute Karten, zumal der Vorsprung auf die Fünfte in Pforzheim, Miriam Dattke (SCB Berlin), mit knapp 23 Sekunden beträchtlich ausfiel. „Es sind wohl nur noch zwei Teamplätze vakant“, vermutet Kistners Trainer Martin Lütge-Varney. Sarah Kistner wird auf dem winkligen Kurs am Sport- und Freizeitgelände Heimstättensiedlung wieder auf Konstanze Klosterhalfen treffen, über 1.500 Meter die U20-EM-Dritte und zweimalige DM-Zweite (in der Halle und im Freien). Auch die Jugend-DM-Zweite über 3.000-Meter, Franziska Reng (LG Regensburg), ist gemeldet, genauso Tina Donder (Erfurter LAC) sowie die in der Leichtathletik und im Triathlon erfolgreiche Lisa Tertsch (ASC Darmstadt/u. a. deutsche Crossmeisterin U18), die Sechste von Pforzheim.


Bei der Berglauf-DM 2015 (Foto: Sascha Arndt)

“Der technische Kurs sollte Sarah liegen“, glaubt Lütge-Varney und meint weiter: „Sarah hat sich seit dem Frühjahr signifikant verbessert.“ Ein Vergleich: Kam Kistner bei der Cross-DM im März nach 4,4 Kilometern noch 50 Sekunden hinter der Ausnahmeläuferin Reh (2015 deutsche Meisterin über 5.000 Meter vor Sabrina Mockenhaupt, dazu Doppel-Europameisterin in der U20 über 3.000/5.000 Meter) ins Ziel, betrug der Rückstand in Pforzheim nach 4,8 Kilometern nur noch elf Sekunden. Ihre Fortschritte, darüber sind sich Experten einig, verdankt Sarah Kistner ihrem Training am Berg sowie in der Ebene – und ihrem idealen Last-Kraft-Verhältnis (1,73 Meter/52 Kilo). Für Wilfried Raatz, einen langjährigen Kenner der Cross- und Berglaufszene, machen die Einheiten im Taunus hinauf zum Altkönig und Großen Feldberg Kistner zu einer „kompletten Läuferin“, beweglich und ausdauernd schnell. „Sarah befindet sich auf einem guten Weg, sie ist noch lange nicht am Limit“, so seine Einschätzung und verweist auf die Spitzenbergläufer Andrea Mayr (Österreich/fünfmal Weltmeisterin) und Jonathan Wyatt (Neuseeland/siebenmal Weltmeister), die auch auf Bahn und Straße respektable Bestzeiten aufweisen (z. B. Wyatt 27:56,72/10.000 Meter, Mayr 1:11:34/Halbmarathon), auch im Marathon mit persönlichen Rekorden von 2:30:43 Stunden (Mayr) und 2:13:00 (Wyatt) ausgestattet sind.


Zusammen mit Martin Lütge-Varney bei der DM 5.000 Meter in Ohrdruf (Foto: Facebook, privat)

Auf der Straße und als Marathonläuferin sieht Lütge-Varney langfristig auch Sarah Kistner. Er denkt an die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Davor soll, ganz klassisch, die Grundschnelligkeit weiter verbessert werden. 2016 steht die U20-WM an. Wo diese stattfinden wird, ist nach dem vorläufigen Ausschluss Russlands aus dem Leichtathletik-Weltverband IAAF wegen katastrophaler Verfehlungen im Anti-Doping-Kampf noch offen. Wohl aber nicht im geplanten Kazan. Die voraussichtlich geforderte Vorleistung über 5.000 Meter, 16:20 Minuten, bezeichnet Lütge-Varney als „stramm, aber machbar“. Im Erfolgsfall wäre der nächste Hessenrekord fällig. Die hessische U20-Bestzeit ist seit 1986 in Besitz von Britta Lorch (SC 1880 Frankfurt/16:27,35). Ebenfalls geplant 2016: flotte 10 Kilometer beim Osterlauf in Paderborn, dazu ein erster Halbmarathon im Herbst und der Start bei der Berglauf-WM in Sapareva Banya (Bulgarien/4. September).

Im Gegensatz zu vielen anderen Lauftalenten startet Sarah Kistner eher selten. 2015 tauchen bisher zwölf Rennen (fünfmal Bahn, dreimal Berg, je zweimal Straße und Cross) in der Statistik auf. „Ich denke, damit bewegt sich Sarah ziemlich am unteren Ende. Aber alle Rennen waren qualitativ hochwertig“, bemerkt Lütge-Varney. Sarah Kistner vertraut ihrem Trainer, auch weil sie bei der Trainingsgestaltung mitreden darf. „Ich setze auf den Dialog“, sagt der Bankbetriebswirt, und fügt mit einem Lächeln an: „Ich bin nicht der große Zampano, nach dessen Pfeife jeder tanzen muss.“ In seinem langfristigen Konzept spielt Verletzungsprävention eine entscheidende Rolle, deshalb auch das variantenreiche Training mit regelmäßigen Stabilisationsübungen. Bisher ist Kistner in ihrer jungen Leistungssportkarriere von Verletzungen verschont geblieben.


Bei der HLV-Gala 2015 (Foto: Christiane Mader)

Zusammen mit Sprinterin Lisa Mayer (LG Langgöns/Oberkleen/u.a. U20-EM-Zweite über 100 Meter) ist Sarah Kistner das derzeit größte Talent in der hessischen Jugend-Leichtathletik. Trotzdem haben ihre Zeiten und Erfolge noch keine Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen entstehen lassen. Sarah Kistner bleibt dem 1862 gegründeten MTV Kronberg treu („MTV“ steht übrigens für „Männer Turn Verein“ und erinnert an die Turn- und frühe deutsche Nationalbewegung). Von Bundestrainer Andreas Michallek (C-Kader Langstrecke), dem Ehemann der früheren hessischen Spitzenläuferin Vera Michallek (u.a. 1989 Hallen-WM-Vierte über 3.000 Meter, derzeit ist sie Athleten-Managerin von u.a. Robert Harting und Betty Heidler) hat Lütge-Varney, wie er sagt, „freie Hand“. Auch nach dem Abitur kann sich die junge Läuferin eine Zukunft in Hessen vorstellen. „Ich will in Frankfurt Mathematik studieren und danach in die Forschung gehen, auch das Laufen als Leistungssport langfristig betreiben.“

In der Sportartikelbranche und bei Sponsoren ist Sarah Kistner noch ziemlich unbekannt. Das könnte sich allerdings bald ändern, denn Martin Lütge-Varney deutet an, dass gerade „intensive Verhandlungen mit einem sehr namhaften Ausrüster“ laufen. Auch werden ihre sportlichen Leistungen medial bisher nur regional wertgeschätzt. 2014 und 2015 wurde Kistner von der „Taunuszeitung“ zur Sportlerin des Jahres gewählt, Lütge-Varney 2015 in der Kategorie „Trainer des Jahres“ nominiert. „Wir werden mittlerweile auch als Team wahrgenommen“, stellt Lütge-Varney fest. Bei der Wahl zur „Jugend-Leichtathletin des Jahres“, für die die User des Fachportals „leichtathletik.de“ und die Leser der Fachorgane „Leichtathletik“ und „Leichtathletik Informationen“ abstimmen, hat es Sarah Kistner nicht in den Kandidatenkreis geschafft. Alina Reh, bereits 2014 ausgezeichnet, steht wieder zur Wahl. Und wird bei ihrem neuen Verein, dem SSV Ulm, bald auf hessisches Know-how bauen. Der SSV-Trainer Julian Rudziok wird sie in den Bereichen Sprint und Athletik unterstützen. Rudzioks Heimatverein ist der FV Wallau im Kreis Marburg-Biedenkopf.

Tammo Lotz

 


20.11.2015