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„… und dann ist Wiesbaden die Sprinter-Hochburg Hessens“


Links Michael Pohl, rechts Florian Daum (Foto: Benjamin Heller)

Vor den deutschen Hallenmeisterschaften an diesem Wochenende (27./28. Februar) in Leipzig traf hlv.de die Sprinter Florian Daum und Michael Pohl in Wiesbaden zum Interview. Besonders häufig sind die beiden nicht präsent in der hessischen Landeshauptstadt, obwohl sie seit dem 1. Januar 2016 das Trikot des Wiesbadener LV (WLV) tragen. Der Grund ist einfach: Daum und Pohl studieren in Frankfurt Betriebswirtschaftslehre, da liegt das Sportzentrum Frankfurt-Kalbach mehr oder weniger um die Ecke. Unabhängig von den besseren Trainingsmöglichkeiten. Die etwas antiquierte Leichtathletik-Sporthalle in Wiesbaden (Wettiner Straße) haben beide trotzdem schon kennengelernt. Der 26-jährige Pohl wird in Leipzig über 60 Meter an den Start gehen, gemeldet ist er mit 6,80 Sekunden. Daum, ein Jahr jünger, wagt den Doppelstart über 60 und 200 Meter. Chancen auf eine Platzierung im Vorderfeld hat er aber nur über die längere Sprintdistanz. Ein Gespräch über Trainingsinhalte, Qualität und Quantität, Motivation und Rekorde.

Wer ist der schnellste hessische Sprinter?

Daum: Das ist Michael. Er hat die bessere 100-Meter-Zeit im vergangenen Sommer erzielt und ist auch in der Halle über 60 Meter der Schnellere.

In der aktuellen DLV-Bestenliste seid Ihr aber eng beieinander: Florian Daum als Zwölfter über 200 Meter in 21,44 Sekunden, Michael Pohl als 15. über 60 Meter.

Pohl: Die kürzere Strecke, gerade über 60 Meter in der Halle, ist undankbar. Bei einem Fehler hat es sich erledigt. Du musst die ersten 30 Meter genau hinbekommen. Ansonsten ist das Rennen gelaufen. Im wahrsten Sinne. Gerade wenn es darum geht, schneller als 6,80 Sekunden zu sprinten - und ich halte eine Zeit um 6,75 Sekunden für möglich. Wenn ich ins Finale komme, ist es super, ansonsten möchte ich die Hallensaison mit einer persönlichen Bestzeit beenden. Das heißt 6,79 Sekunden oder schneller.

Daum: Ich betrachte die 60 Meter als Stimmungsmacher, quasi um mir Selbstbewusstsein zu holen. Ich möchte eine gescheite Zeit laufen, das heißt etwa 6,85 Sekunden. Der Formaufbau stimmt, doch mehr als das Halbfinale ist damit nicht drin. Finalambitionen habe ich über 200 Meter - und eine Bestzeit um 21,20 Sekunden als Ziel. Wenn wir davon ausgehen, dass wir beide in etwa dasselbe Leistungsniveau haben, wird es bei mir eher für das Finale reichen. Denn die Konkurrenz über 60 Meter ist in den vergangenen Jahren brutal geworden. Mit ein bisschen Glück ist es für mich einfacher, Dritter über 200 Meter zu werden als für Michael das 60-Meter-Finale zu erreichen.

Beim Thema schnellster Hesse kommt auch Steven Müller von der LG ovag Friedberg-Fauerbach ins Spiel. Er hat über 200 Meter 21,35 Sekunden stehen…

Daum: Er ist sehr ernst zu nehmen, aber ich bin sicher, dass ich dagegenhalten kann.

Was ist das Label „schnellster Hesse“ denn überhaupt wert?


Michael Pohl (Foto: Benjamin Heller)

Pohl: Ich bin froh, wenn ich diesen Titel habe, aber ich brauche ihn nicht. Ich laufe lieber 6,73 Sekunden und werde Zweiter als mit 6,83 Sekunden Hessenmeister zu werden. Der Fokus liegt ganz klar auf der Zeit. Das ist mein Ding.

Wie stellt sich eure Konkurrenzsituation im Training dar?

Pohl: Wir sind froh, dass wir uns gegenseitig als Partner haben. Bei Startübungen, bei Läufen, bei was auch immer. Da hat jeder hat seine Stärken und Schwächen. Aber am Wettkampftag selbst sind wir natürlich noch mehr Konkurrenten. Da will ich den Sieg haben.

Daum: Wir sind befreundet. Und es ist in der Halle etwas einfacher, weil wir die Titel auf unterschiedlichen Strecken gewonnen haben. Im Sommer wird es mehr Überschneidungen geben, wenn Michael auch die 200 Meter läuft. Sportlich betrachtet, blicke ich immer noch zu ihm auf. Michael hat einfach die schnelleren Zeiten und davon habe ich profitiert.

Wer tüftelt eure Trainingspläne aus?

Daum: Als mein Vater damals beim ASC Darmstadt erkrankt ist, habe ich seine Gruppe übernommen. Einblick hatte ich schon vorher und habe dann versucht, mein Wissen zu erweitern. Das ging auch ganz gut mit einer Steigerung von 10,90 auf 10,65 Sekunden. Und vergangenen Sommer waren es in Friedberg stabil Zeiten um 10,50, 10,60 Sekunden. Nach dem Crash dort habe ich Georg Schmidt angerufen und gesagt, dass ich gerne für den WLV starten möchte, aber mein wissenschaftlich ganz gut ausgearbeitetes Training mit modernen Inhalten zu 80 Prozent selbst gestalten möchte. Er wusste vorher schon, dass ich mehr oder weniger autodidaktisch arbeite. Ein allgemeingültiger Rahmentrainingsplan wäre nichts für mich. Dann würde ich wohl wieder 10,90 Sekunden laufen. Ich brauche meine Struktur, mein System.

Pohl: Wir machen zu 80 Prozent unser eigenes Ding, weil wir professionell sind und wissen, was wir an Training brauchen. Ich mache den Plan auch mit meinem Vater. Er gestaltet ihn und ich passe ihn an. Qualität ist besser als Quantität, das habe ich gelernt. Und wenn ich Unterstützung brauche, bekomme ich sie von Georg Schmidt. Ich glaube, dass auch Julian Reus sich nicht vorschreiben lässt, wie er zu trainieren hat. Er weiß selbst, was er zu tun hat. Auch wir gestalten uns selbst und brauchen unsere Freiräume.

Das entscheidende Stichwort ist Qualität?

Pohl: Ja, weniger ist mehr. Definitiv. Auch bei den Amerikanern, ob sie nun „sauber“ sind oder nicht, ist deutlich geworden, dass die Umfänge am Stück zurückgegangen sind. Etwa bei Justin Gatlin. Was er trainiert, ist immer auf ultrahohem Niveau. Ebenso bei der ganzen deutschen Elite, daher die Progression in den vergangenen fünf Jahren. Qualität statt Quantität ist das Motto. In Wiesbaden setzen Georg Schmidt und David Corell genau das um.

Was bedeutet das für die Trainingseinheiten pro Woche?


Florian Daum (Foto: Benjamin Heller)

Daum: Ich trainiere nach wie vor sechs, sieben Mal pro Woche. Und im Vordergrund steht, wie die Einheiten inhaltlich gestaltet sind. Das bedeutet: Ich setze beispielsweise schon im Herbst darauf, lieber nur fünf Tempoläufe pro Training zu machen, dafür aber im Bereich 90 Prozent und aufwärts. Also sprintgerecht und nicht extensiv zehn mal 200 Meter. Das habe ich auch auf das Krafttraining übertragen und ballere bei Kniebeugen keine Zehner- und Achterserien mehr. Sondern hochqualitative Sechserserien, um mehr die Sprintsysteme neuronal zu bedienen.

Steht Ihr ständig unter „Strom“?

Pohl: Es kostet mich manchmal schon extrem viel Kraft, mich immer wieder hoch zu pushen. Ich studiere und arbeite 20 Stunden pro Woche. Dementsprechend trainiere ich nur drei, maximal vier Einheiten pro Woche. Im Job kann ich nicht herum zappeln, und dann im Training direkt den Schalter umzulegen, ist schwer.

Wie motiviert man sich im mittleren Alter - ohne Perspektive auf internationale Einsätze?

Daum: Vor zwei Jahren, mit 23, hatte ich in der Halle erstmals die DM-Quali bei den Aktiven. Seitdem habe ich mich immer weiter verbessert und stand im vergangenen Sommer im DM-Finale über 200 Meter. Das war schon die Erfüllung eines sportlichen Lebenstraums. Und ich bin sogar Sechster geworden. Zur Bronzemedaille haben nur 0,4 Sekunden gefehlt, und vor mir waren nur Bundeskaderathleten mit ganz anderer Unterstützung. Vor Leipzig habe ich im Uni-Semester neun Klausuren plus eine Hausarbeit geschrieben, bis einschließlich Mittwoch. Vielleicht habe ich ja in den nächsten zwei Jahren bei einer DM die fünfprozentige Chance, um die Bronzemedaille zu laufen. Das ist ein Ziel. Ebenso der hessische Hallenrekord, er steht bei 20,97 Sekunden über 200 Meter. Ich brauche den Sport die nächsten Jahre einfach noch.

Pohl: Die Zeit, die Fortschritte motivieren. Und ich liebe diesen Sport. Ich renne der Zeit hinterher, werde aber spätestens mit dem Beginn des Master-Studiums aufhören. Und dann gibt es ja noch das „richtige“ Leben. Würde ich 9,95 Sekunden laufen, würde ich natürlich weitermachen. Doch vielleicht schaffe ich es noch, eine niedrige 30er Zeit über 100 Meter zu erreichen. Das ist möglich, schließlich bin ich mit allerlei Defiziten 10,40 Sekunden gelaufen. Es kann sein, dass ich auch von meinem Talent profitiere, mein Vater war als Jugendlicher 10,60 Sekunden schnell und wurde später polnischer Hallenmeister über 200 Meter. Meine Mutter hat mehrere polnische Meistertitel über 400 Meter Hürden geholt. Und ich? Ich versuche seit Jahren, diesem Scheiß Sport zu entkommen und schaffe es nicht (lacht.).


Jubel bei Florian Daum und Michael Pohl (Foto: Benjamin Heller)

Letzte Frage - der hessische Rekord über 4x100 Meter.

Pohl: Klar, das ist ein großes Thema. Nils Kessler wird laufen, wir beide und der vierte Platz ist offen, da Simon Schütz seine Karriere beendet hat. Ebenso wie Felix Göltl, den wir zum Wechsel nach Wiesbaden überreden wollten. Aber wir haben schon einen Kandidaten in Aussicht. Und wenn wir weiter Fortschritte machen, kommt die Staffel in den Bereich von 39,30 Sekunden, dann fällt der Rekord von 39,79 Sekunden der TSV Friedberg-Fauerbach sowieso. Das ist wichtig, aber eher beiläufig - ich möchte mit der Staffel deutscher Meister werden. Und dann ist Wiesbaden die Sprinter-Hochburg Hessens.

Daum: Was natürlich eine Sogwirkung haben kann. Wir wollen so viele Sprinter wie möglich nach Wiesbaden holen. Der Hessenrekord ist möglich, drei, vier Zehntel schneller. Unser Staffeltrainer wird David Corell sein, er macht die Wechsel perfekt. Das wird funktionieren, da bin ich sicher. Wie überhaupt das Umfeld beim Wiesbadener LV mit den Trainern absolut stimmig ist, die unterstützende Zusammenarbeit passt außerordentlich gut.

(Das Gespräch führte Uwe Martin)

 


26.02.2016