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Dopingsumpf und kein Ende: Über die späte Belohnung für Diana Sujew


Diana Sujew bei der DM 2015 vor ihrer Zwillingsschwester Elina (Foto: IRIS)

Wundert man sich noch? Am Dienstag ist gemeldet worden, dass neun äthiopische Leichtathleten unter Dopingverdacht stehen. Darunter fünf Topathleten, was auch immer diese Begrifflichkeit bedeuten mag - im Kontext all der sogenannten Wunderläufer, die dieses afrikanische Land hervorgebracht hat. Ebenso wie Kenia, wo seit Wochen ein Dopingskandal tobt, der längst auch nationale Funktionäre umzingelt hat. In Kenia ist von Korruption und weiteren kriminellen Delikten die Rede. Ein weiterer skandalumwitterter Themenblock ist die Leichtathletik in Russland. In diesen Zeiten fallen gute Botschaften umso mehr ins Gewicht, doch es gibt sie. Geliefert hat sie Diana Sujew von der LG Eintracht Frankfurt, als bekannt wurde, dass ihr ursprünglich sechster Platz bei der EM 2012 in Helsinki nun ein dritter ist. Bronze - weil jetzt öffentlich ist, dass drei (!) Konkurrentinnen damals gedopt waren. Betrogen hatten: die Gewinnerin und spätere Olympiasiegerin Asli Cakir Alptekin (Türkei/4:03,31 Minuten), die viertplatzierte Yekaterina Ishova (Russland/4:08,63) und zuletzt Anna Mishchenko (4:07,74).

Die Ukrainerin war auf Platz drei eingelaufen; nun ist sie wegen Auffälligkeiten im biologischen Pass bis 17. August 2017 gesperrt. Der auffällige Test von Mishchenko datiert vom 28. Juni 2012, bis dahin rückwirkend wurden ihr alle Resultate aberkannt. Das EM-Finale mit der aktuellen Bronzemedaillengewinnerin Diana Sujew fand am 1. Juli statt.

Die 25-Jährige ist am Dienstagabend für drei Wochen ins Höhentrainingslager nach Kenia geflogen. Hinter ihr liegt eine Hallensaison, die unvollendet blieb, weil sie auf die deutschen Meisterschaften wegen einer leichten Fußentzündung verzichtete; zuvor hatte sie allerdings beim Hallen-Meeting in Boston (USA) ihre persönliche 3.000-Meter-Hallenbestzeit auf 9:02,15 Minuten verbessert. Die Norm für die Hallen-WM in Portland (USA/9:00) verpasste sie äußerst knapp. Die Schlagzeile im Online-Portal leichtathletik.de jedoch gehörte nicht Diana Sujew alleine, sondern wurde geteilt.

Weil die Äthiopierin Meseret Defar bei ihrem Comeback (nach einer Babypause) in Boston 8:30,83 Minuten gelaufen war. Damit ist Defar in der Weltjahresbestenliste hinter ihrer Landfrau Genzebe Dibaba (8:22,50) und vor einer anderen Landsfrau (Gelete Burka/8:33,76) auf Rang zwei notiert. Den Hallen-Europarekord hält seit zehn Jahren übrigens die russische Dopingsünderin Liliya Shobukhova (8:27,86), deren Sperre am 23. August 2015 endete. Liliya Shobukhova ist 38 Jahre alt, ins Wettkampfgeschehen wird sie kaum zurückkehren; sie hat geholfen, die mafiösen Strukturen in der Welt-Leichtathletik aufzudecken, auch deshalb fiel ihre Sperre recht kurz aus. Der erwähnte Hallen-Weltrekord gehört ihr noch, viele ihrer späteren großen Marathonsiege wurden längst gestrichen.


So sieht das nochmals korrigierte EM-Ergebnis nun aus (Foto: Screenshot, Wikipedia)

Diana Sujew ist Stabsunteroffizierin bei der Bundeswehr, stationiert in der Sportfördergruppe Mainz. Vor dreieinhalb Jahren im Olympiastadion von Helsinki sei sie mit 4:09,28 Minuten so etwas wie das Rennen ihres Lebens gelaufen, sagt sie. Und wurde aufgrund des sportlichen Betrugs nicht nur um die Siegerehrung gebracht. „Auch jetzt habe ich die Medaille noch nicht in der Hand, deshalb ist es nicht greifbar.“ Die offizielle Bestätigung über die Neuvergabe des Edelmetalls steht noch aus. Auch deshalb, und weil sie sich noch nicht erkundigt hat, weiß sie nicht, was ihr neben dem emotionalen Moment noch entgangen ist. Einen Ausrüster hatte Diana Sujew 2012 nicht, als sie für den SC Potsdam am Start war. Aber gibt es eine nachträgliche Medaillen-Prämie vom Deutschen Leichtathletik-Verband? Oder eine nachträgliche Erfolgszahlung von der Deutschen Sporthilfe? Fragen, die sie zurückstellt bzw. die Antworten auf sich zukommen lässt. „Aber es ist schon bitter, wenn ich an das Wirtschaftliche im Jahr danach denke.“ Als EM-Dritte hätte sie sich anders, besser vermarkten können. Auch diese Chance kommt nicht wieder.

Diana Sujew hat beschlossen, die Sache positiv zu sehen. „Die Kontrollen werden schärfer und es kommen viel mehr positive Dopingfälle auch heraus.“ Der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) steht ohnehin unter Druck, Vertuschung in großem Stil wie unter dem vormaligen Präsidenten Lamine Diack (1999 bis 2015) dürfte es nicht mehr geben. Sein Nachfolger Sebastian Coe ist extrem gefordert im Anti-Doping-Kampf, und wenn er nicht liefert, dürfte sich der Brite trotz seines beruflichen Netzwerks nur schwer im Amt halten können. Einige IAAF-Sponsoren machen Druck. Endlich.


Diana Sujew im Jahr 2008. Damals wurde sie deutsche Jugendmeisterin über 1.500 Meter und 2.000 Meter Hindernis (Foto: HLV-Jahrbuch 2008, IRIS)

Das große Ganze, die leichtathletische Sportpolitik mit all ihren Verstrickungen, ist nicht der Job von Diana Sujew. „Bei all dem, was man hört und liest, ist es das Beste, sich auf sich selbst zu konzentrieren und hart zu trainieren“. Doch es sei durchaus auffällig, dass etwa über 3.000 Meter Hindernis die internationalen Spitzenzeiten bei den Frauen „menschlicher“ würden. Sie denkt kurz nach, „menschlicher“, kann, darf man das sagen? Und was ist mit den anderen Zeiten? Der Hallen-Weltrekord über 3.000 Meter von Genzebe Dibaba steht bei 8:16,60 Minuten (2014). „Sie rennt ja sogar der restlichen Weltspitze weg“, sagt Diana Sujew. Wie auch Meseret Defar beim bereits erwähnten Meeting in Boston. „Das Rennen war nur auf sie zugeschnitten“, sagt Diana Sujew. „Das macht dann schon weniger Spaß.“ Sie glaubt, dass viele Zuschauer genau diese Rekordhatz sehen wollen. Andere Beobachter sind längst gelangweilt von dieser Art „Wettkampf“ - auch bei den großen City-Marathons.

Ein sanftes Umdenken hat zumindest beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) stattgefunden. So wurde die Olympia-Norm für Rio über 1.500 Meter von ursprünglich 4:05,50 Minuten auf glatte 4:07,00 Minuten hochgesetzt. Auch vor dem Hintergrund der Doping-Skandale und -Verdachtsmomente in Russland und Kenia. Der Hausrekord von Diana Sujew hat seit 2013 Bestand, 4:05,62 Minuten. Da fehlt nicht mehr viel. Und eines waren die jüngst aufgedeckten Dopingfälle ganz gewiss: Ein Mutmacher für alle sauberen Athleten.

Uwe Martin

 


02.03.2016