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Über das Gehen


Nicole Best (Foto: privat)

Mitte der 1970er Jahre, als sich bei Eintracht Wiesbaden im guten halben Dutzend Jugendliche anschickten, ein paar Sommer später im Laufen und Springen nationale Medaillen zu gewinnen, kam auch Helmut Lang allmählich in Schwung. Er war ein bisschen kleiner als wir, recht schmächtig, ein freundlicher, zurückhaltender Schüler. Und er ging. Also wettkampfmäßig. Und weil er so gut wie nie Gleichgesinnte um sich hatte, die diese Disziplin ebenfalls an- oder aufregend fanden, war er auf sich alleine gestellt. 1978 wurde Lang Zweiter der deutschen Schülermeisterschaften (3.000 Meter auf der Bahn in 14:32,2 Minuten), ein Jahr später verbesserte er sich über 5.000 Meter auf 23:57,0 Minuten und stellte im Vorbeigehen einen hessischen Schülerrekord über 3.000 Meter auf (14:20,8). Mit 16 Jahren benötigte Lang 52:52,2 Minuten im 10.000 Meter Bahngehen. Die hessische Bestenliste in jenem Jahr (1980/B-Jugend) wirft immerhin vier Athleten aus. Das sind nicht viele, aber immerhin. Und im Jahr 2016?


Helmut Lang (Foto: 140 Jahre Eintracht Wiesbaden)

Für die hessischen Meisterschaften im Straßengehen, die am 9. April im Rahmen der badischen Titelkämpfe in Biberach stattfanden, waren neun hessische Athleten aus drei Vereinen gemeldet: TV Groß-Gerau (7), Grün-Weiß Kassel (1), TSG Leihgestern (1). Allesamt Senioren der Altersklassen 35 bis 70. Gehen in Hessen, das gibt es eigentlich gar nicht mehr. Schaut man in alte, beinahe verblichene Bestenlisten, tauchen noch Klubs aus Limburg (LG und VfR) auf, ebenso zwei weitere Vereine aus Wiesbaden (Grün-Weiß und Skizunft). Und natürlich Eintracht Frankfurt - dazu später mehr. Eingangs erwähnter Helmut Lang ist übrigens nie im Aktivenbereich angekommen. Heute wird diese Disziplin ohnehin nur noch von ein paar Versprengten ausgeübt. Und das Zentrum, wenn man das überhaupt so sagen kann, ist der TV Groß-Gerau im Süden des Rhein-Main-Gebiets. Aber Nachwuchs? Den gibt es in ganz Hessen nicht. „Mir ist niemand bekannt“, sagt Nicole Best. Auch sie gehört dem TV Groß-Gerau an, kürzlich hat sie bei der Senioren-EM in Ancona den Titel in der W45 gewonnen, Nicole Best ist 1968 geboren. „Es macht immer noch Spaß“, sagt sie. „In Ancona sind 30 Teilnehmerinnen auf der 200-Meter-Bahn am Start gewesen.“ Es wurde geschubst und auch mal der Ellenbogen ausgefahren, letztlich setzte sich die Hessin in 14:23,44 Minuten durch, nur drei Sekunden langsamer als ihr eigener Europarekord.

Die Geher aus Groß-Gerau haben eine eigene Internetpräsenz - Dreh- und Angelpunkt ist Thorsten Fern. Er sorgt auch dafür, dass sich die Leistungsorientierten in unregelmäßigen Abständen zum gemeinsamen Training treffen. Mittwochs, in Groß-Gerau oder auch mal in Kelsterbach. Vorher gibt es eine Rund-Mail. „Gehen“, sagt Nicole Best, „ist eine Randsportart und wird eine bleiben.“ 1983 hat sie ihren ersten Geher-Wettkampf absolviert (in Wiesbaden), seit 1990 ist sie zudem im Triathlon aktiv. Über den Dreikampf mit Schwimmen, Radfahren und Laufen holt sich Nicole Best die nötige Ausdauer, spezifisches Geher-Training macht sie nur selten. „Vor Ancona waren es fünf Einheiten.“ Nicole Best ist die einzige hessische Geherin, die in die nationale Spitzenklasse vorgedrungen ist - über 20 Kilometer nimmt sie in der ewigen deutschen Bestenliste Platz neun ein (1:37:16 Stunden/2002).

Dass Gehen in Hessen eine Disziplin von gestern ist, die schon seit Jahrzehnten keine Rolle mehr spielt, wird beim Blick in die ewigen HLV-Bestenlisten deutlich. Beginnen wir mit den Männern und den 20 Kilometern auf der Straße. Den Hessenrekord hält seit 1988 Thorsten Zervas (Eintracht Frankfurt) mit 1:25:24 Stunden, in den Top 20 sind 18 Athleten dieses Klubs gelistet. Die jüngsten Einträge datieren aus dem Jahr 1993 (Thomas Wallstab, Ralf Weise). Über 50 Kilometer beinahe das gleiche Bild: Den Hessenrekord hält der 2010 verstorbene Bernhard Nermerich (3:59:34/1972), und wiederum wird deutlich, dass Gehen als Hochleistungssport nur bei der Frankfurter Eintracht großgeschrieben wurde.


Bernhard Nermerich (Foto: 50 Jahre HLV)

Nermerich und sein Trainer Hans Stahl stehen für eine Ära, die der hessischen Geher-Legende 22 deutsche Titel und 31 Einsätze im Nationaltrikot brachten. Doch im Wettkampf seines Lebens, 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexico City über 50 Kilometer, wurde er sieben Kilometer vor dem Ziel disqualifiziert. Ein Willkürakt der Gehrichter, die schon damals mit bloßem Auge über die Einhaltung der vorgeschriebenen Technik und somit über Gedeih und Verderb urteilten. Bundes- und Landestrainer Stahl wurde 1976 übrigens die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt verliehen. Er war es auch, der die hessischen Statistiker mit Namen und Zeiten belieferte, nach seinem Tod brach dieser Informationsfluss zusammen. Deshalb gibt es keine ewigen HLV-Bestenlisten unterhalb der Aktivenklasse. Apropos: Bei den Frauen dominiert der TV Groß-Gerau hessenweit das Geschehen, Nicole Best hält die Landesrekorde über 10 und 20 Kilometer.


Ronald Weigel (Foto: Thomas Zöller)

Geher-Bundestrainer Ronald Weigel ist ein Mann vom Fach: Weltmeister 1983 (50 Kilometer), WM-Zweiter 1987 (50 Kilometer), zweimal Olympiasilber 1988 (20, 50 Kilometer), nochmals Olympiabronze 1992 (50 Kilometer). Weigel, der in der Nähe von Potsdam wohnt, betreut sieben Kaderathleten, vier sind für Olympia in Rio qualifiziert. „Das muss man erst einmal schaffen“, sagt er nicht ganz unbescheiden. Doch er weiß auch: Gehen als Wettkampfsportart wird fast nur noch im Osten Deutschlands ausgeübt, wenige Ausnahmen wie Carl Dohmann (SCL-Heel Baden-Baden/Trainer ist der ehemalige Weltklasse-Geher Robert Ihly) bestätigen die Regel. „Gehen ist eine zeitaufwendige Disziplin. Und ohne hauptamtliche Trainer wird es schwierig“, sagt Weigel. Und er glaubt, dass sich mit Strukturen und Rahmenbedingungen wie aktuell in Potsdam und in Berlin auch andernorts Erfolge feiern ließen. Was er häufig vermisst: „Manchmal fehlt Verständnis und Offenheit, bis weit nach oben in die Verbandsspitzen.“

Dass es bei Jugendlichen zunächst „eine Hemmschwelle“ (Weigel) gebe, sei kein Geheimnis. „Auch meine Leute haben nicht gleich Hurra geschrien und gesagt: Jetzt werde ich Geher!“ Der Nachwuchs komme aus dem Laufbereich („Man wird ja nicht als Geher geboren“), und häufig starteten im Gehen nach gezielter Ansprache dann jene durch, die ihre persönlichen Ziele im Laufen nicht erreichen würden. „Ob jemand Talent hat, sieht man schon an den ersten Schritten.“ Für Weigel ist eines klar: „Wer ganz nach oben will, hat es im Gehen leichter als im Laufen.“

Uwe Martin

 


20.04.2016