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Der Werfer-Cup, Wiesbaden und wie die Stadtpolitik die Leichtathletik im Regen stehen lässt


Daniel Jasinski, Martin Wierig und der Drittplatzierte Markus Münch (Foto: HLV)

Das Prädikat „Weltklasse“ gab es auch 2016, obwohl die Wetterbedingungen alles andere als leistungsfördernd waren. Beim Werfer-Cup am Pfingstsonntag in Wiesbaden setzten die deutsche Meisterin Julia Fischer (SCC Berlin) mit 66,59 Metern sowie der Olympia-Sechste Martin Wierig (SC Magdeburg/67,60) und Daniel Jasinski (TV Wattenscheid/67,16) die Ausrufezeichen. Vorjahressieger Christoph Harting (SCC Berlin) produzierte zunächst im Ring einen Flop mit drei ungültigen Versuchen, wobei der erste inoffiziell knapp 70 Meter weit war, dann verweigerte er den verdutzten Reportern jedwedes Statement. Und nimmt man den jüngeren Bruder des verletzt abwesenden Olympiasiegers Robert Harting beim Wort, will er seine „No-Speaking“-Taktik das restliche Olympiajahr beibehalten. Man darf gespannt sein.

Der Vollständigkeit halber noch weitere Top-Resultate: Die WM-Dritte Nadine Müller (SV Halle) erreichte 65,42 Meter, die EM-Dritte Shanice Craft (MTG Mannheim) 64,42 Meter, Anna Rüh vom SC Magdeburg platzierte sich mit 63,42 Metern. Im U20-Wettbewerb verpasste Clemens Prüfer (SC Potsdam) mit 66,27 Metern (1,75-kg-Scheibe) den deutschen Rekord um nur 18 Zentimeter.

Anlässlich des 21. Werfer-Cups lohnt es sich, einen tieferen Blick in die infrastrukturelle Situation der Leichtathletik in der hessischen Landeshauptstadt zu wagen. Und der wird, soviel sei vorab gesagt, nicht besonders positiv ausfallen. Doch beginnen wir mit dem Positiven: Die Stadt fördert das laut Wikipedia „bekannteste Sportereignis im Wiesbadener Stadion“ alljährlich mit 10.000 Euro. Das ist in etwa die Hälfte des Etats, der dem 69 Jahre alten Meeting-Direktor Peter Schulte zur Verfügung steht. Anders gesagt: Ohne die kommunale Unterstützung würde es den Werfer-Cup wohl nicht mehr geben. Ein Vergleich: 500.000 bis 600.000 Euro investiert die Stadt Wiesbaden alljährlich in den Ball des Sports. Eine Benefizveranstaltung, die regional bewertet nur den wenigen von der Stiftung Deutsche Sporthilfe geförderten Wiesbadener Topathleten aller Sportarten etwas bringt. Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) ist im Februar heftig in die Kritik geraten, weil er mit der Sporthilfe einen Zehnjahresvertrag bis 2027 abschließen möchte. Was man ohne schlechtes Gewissen Sportpolitik der basisfremden Art nennen darf: Renommee, Image, Eitelkeiten und der fromme Wunsch, dass Wiesbaden sich irgendwie auf der deutschen Sport-Landkarte verewigen möge, spielen dabei eine gewichtige Rolle. Und die Leichtathleten in Wiesbaden?


Neben der Mülltonne ist der Sportlereingang zur Halle an der Wettiner Straße (Foto: HLV)

Sie trainieren im Winter in einer Halle, die sich in einem Zustand befindet, der bemitleidenswert ist. Der Bau ist heruntergekommen, schlichtweg eine Schande. Er steht im Umfeld des Berufsschulzentrums, an der Wettiner Straße, und das schon mindestens seit den frühen 70er Jahren. Es gab seither es paar Veränderungen (Kunststoffbelag, Kraftraum, längere Sprintgerade), doch an der Substanz hat sich nichts verändert seit den Tagen von Olympia 1972. Am vergangenen Freitag regnete es mal wieder durchs Hallendach. Doch das ist nicht das einzige Problem. Auch der Untergrund des Weitsprunganlaufs ist marode. Angedacht scheint seitens der Stadt eine energetische Sanierung zu sein, zudem soll die mehr als 45 Jahre alte Halle barrierefrei werden. Die Kosten hierfür werden unter der Hand auf 500.000 Euro beziffert. Der Ball liegt beim Hochbauamt. Ein bisschen Sanieren, Reparieren und Kleckern statt mit einem Neubau endlich ein sportpolitisches Aufbruchsignal zu setzen, dieses Motto gilt auch für den angrenzenden Helmut-Schön-Sportpark, das zweitgrößte Wiesbadener Stadion.


Lang ist’s her - Bahneröffnung 1979 (Foto: HLV)

Seit der feierlichen Einweihung der Kunststoffbahn am 25. August 1979 - siehe beigefügte Urkunde des Autors - wurde der Belag stellenweise immer wieder notdürftig geflickt. 37 Jahre also liegt der wellige rote Belag mittlerweile. So lange, dass längst keine höherwertigen Meisterschaften in Wiesbaden stattfinden können. Immerhin: Die Haupttribüne samt Innenleben ist vor einigen Jahren saniert worden. Dass auch in Wiesbaden die Leichtathletik zugunsten des Fußballs an den Rand gedrückt wird, ist keine neue, aber gleichwohl bittere Erkenntnis. Für den Bau der Brita-Arena (2007) musste der weitläufige und von Bäumen gesäumte Werferplatz weichen, als Ersatz baute die Stadt die heutige Anlage unterhalb der Jet-Tankstelle, wo nun der international renommierte Werfer-Cup stattfindet. Die Wettkampfstätte erfüllt ihren Zweck und ist dienlich, doch Ambiente fühlt sich anders an.

Dass sich an dem unbefriedigenden Status quo im Helmut-Schön-Park etwas ändert, ist nicht absehbar. Neuer Kunststoff? Acht statt sechs Rundbahnen? Nicht in Wiesbaden. Derartige infrastrukturelle Förderung haben die Sportpolitiker der Stadt nicht im Sinn. Es gab wohl mal Pläne im Ausschuss für Freizeit und Sport, ein Architekturbüro zu beauftragen, um endlich die Zukunftsfähigkeit des Areals auszuleuchten und sicherzustellen. Die Kosten für einen Umbau zugunsten der Leichtathletik, immerhin ist Wiesbaden Landesstützpunkt, beziffert Schulte auf knapp zwei Millionen Euro. Doch von einem dementsprechenden städtischen Impuls ist Schulte, dem Vorsitzenden des Wiesbadener LV (WLV), aktuell nichts bekannt.

Der WLV boomt, die Leichtathletik in Wiesbaden boomt, in der Spitze mit Xenia Stolz (Weitsprung), Marc Reuther (800 Meter) und Michael Pohl und Florian Daum (Sprint). Auch im Nachwuchsbereich ist der Zulauf immens. Doch im Gegensatz zu Wetzlar tut sich keine finanzielle Förderung der Infrastruktur auf. In Mittelhessen wurde das für 4,15 Millionen Euro (davon 750.000 Euro vom Land) umgebaute Stadion 2010 eingeweiht, seither wirbt die Stadt noch mehr mit und für die Leichtathletik. Hessenmeisterschaften, Süddeutsche, Deutsche U23-Titelkämpfe, Deutsche Hochschulmeisterschaften - all dies geht in Wetzlar. In Wiesbaden nicht. In der altehrwürdigen Landeshauptstadt sind im Sport andere Dinge wichtig. Jedenfalls ein bisschen.


Der Helmut-Schön-Sportpark (Foto: HLV)

So gibt es Lifestyle-, Wohlfühl- und Spenden-Veranstaltungen. Etwa den 24-Stundenlauf der Wiesbadener Sportförderung (Wispo), der am 10./11. September zum zwölften Mal im Kurpark stattfindet. Der Deutsche Post Ladies Run wird am 28. August zum dritten Mal gestartet. Die Chance, wenigstens ein Angebot für die immer breitere Basis der Langläufer/innen zu offerieren, wurde vor knapp drei Jahren vertan. Markus Hankammer, Chef des Wasserfilterkonzerns Brita, war in Vorgesprächen bereit, einen höheren fünfstelligen Betrag in die Austragung eines Halbmarathons zu investieren. Und hätte kostenfrei die Brita-Arena als logistisches Start-/Umkleidezentrum zur Verfügung gestellt. OB Gerich empfand das Thema seinerzeit als eher störend für seine damaligen Pläne, den Triathlon 70.3 in Wiesbaden von einer EM zur WM aufzuwerten. Dieses Thema hat sich längst erledigt. Und der Halbmarathon, den die Agentur motion events, die auch den Frankfurt-Marathon organisiert, auf die Beine zu stellen gewillt war, ebenfalls. Letztlich berief sich die Stadt darauf, dass sie nicht für eine im Raum stehende Ausfallbürgschaft gerade stehen wolle.

So geht in Wiesbaden in punkto Leichtathletik alles seinen gemächlichen Gang, es regiert der Stillstand, nichts ist in Bewegung. Späte 60er und 70er Jahre. Und beinahe mutet es an wie ein Treppenwitz, dass die verantwortlichen Politiker tatsächlich glauben, eine „Sportstadt“ zu regieren. Und man ihnen in der ersten Replik zunächst den Unterschied zwischen „Sportstadt“, in der Sport tatsächlich Menschen bewegt, und „Sportveranstaltungsstadt“ erläutern muss. Werfer-Cup, Pfingst-Reitturnier, Ironman 70.3, Ball des Sports - irgendetwas wirklich Relevantes vergessen? Ja, die Volleyballfrauen des VC Wiesbaden. Sie haben sich in Liga eins und in der Stadt etabliert. Die Kosten ihrer neuen Halle, die allerdings auch dem Schulsport zu Gute kommt: 50 Millionen Euro.

Uwe Martin

 


15.05.2016