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Die Historie des Auestadions: 19. September 1965 - Zwei Weltrekorde in zehn Minuten


Irina und Tamara Press beim Europacup-Finale der Frauen im Auestadion (Foto: HNA-Regiowiki)

Am 18./19. Juni 2016 finden im Kasseler Auestadion die 116. Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften statt. Nach 2011 zum zweiten Mal. Aber das Auestadion im Norden von Hessen war schon viel früher eine Wettkampfstätte für Sportfeste, Titelkämpfe und Meisterschaften. hlv.de bietet mit diesem Beitrag den zweiten Teil einer vierteiligen Serie, die sich mit der wechselhaften Leichtathletik-Historie des Auestadions beschäftigt. Die nächsten Folgen erscheinen am 27. Mai sowie am 3. Juni. Also immer freitags und gegen Abend. Quasi als Lektüre zum Wochenende. Autor ist jeweils Peter Fritschler, der sich seit Jahrzehnten als Leichtathletik-Kenner - nicht nur in Kassel - einen Namen gemacht und viele Leistungen und Anekdoten zusammengetragen hat. An diese Stelle nochmals herzlichen Dank für seine Unterstützung. In den Tagen unmittelbar vor den Titelkämpfen steigt hlv.de dann in die aktuelle Berichterstattung ein.

Höhepunkt der Leichtathletik-Veranstaltungen vergangener Tage im Kasseler Auestadion dürfte zweifellos das erste Europacup-Finale der Frauen am 19. September 1965 gewesen sein. Die Veranstaltung an diesem Sonntagnachmittag war keine zehn Minuten alt, da hatte es schon zwei Weltrekorde gegeben, und die 20.000 Zuschauer waren begeistert: Irina Press aus der Sowjetunion stellt den Hürdenrekord über 80 Meter mit 10,4 Sekunden ein, ihre Schwester Tamara verbesserte ihre eigene Höchstleistung im Kugelstoßen auf 18,59 Meter. Beide legten damit den Grundstein für den Gesamtsieg der Sowjetunion mit 56 Punkten vor der Mannschaft aus Ost-Deutschland (so wurde die frühere DDR damals genannt) mit 42 Zählern, Polen (38), der Bundesrepublik (37), Ungarn (32) und den Niederlanden (26).

Für die bundesdeutsche Mannschaft waren Erika Pollmann (100 Meter), Ingrid Becker (200 Meter), Christine Linz (400 Meter), Antje Gleichfeld (800 Meter), Inge Schell (80 Meter Hürden), Helga Hoffmann (Weitsprung), Ilia Hans (Hoch), Gertrud Schäfer (Kugel), Kriemhild Limberg (Diskus) und Anneliese Gerhards (Speer) im Einsatz. Die 4x100-Meter-Staffel war mit Gerlinde Beyrischen, Hannelore Trabert-Swienty, Inge Schell und Erika Pollmann gelaufen.


Verdeckt im Bild Annamaria Kovacs, Irina Press, die Polin Danuta Sobieska, Inge Schell, die Ostdeutsche Gundula Diel und Lia Hinten aus den Niederlande über 80 Meter Hürden (Foto: HNA-Regiowiki)

Vor der abschließenden Sprintstaffel war der Kampf um Platz zwei noch völlig offen. Doch dann vollzog sich, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal in der Geschichte wichtiger Staffelrennen für deutsche Mannschaften, das Trauerspiel: Zunächst verursachte Gerlinde Beyrischen einen Fehlstart und war beim zweiten Versuch verständlicherweise vorsichtiger. Dann lief Hannelore Trabert-Swienty zu früh los und musste abstoppen. Inge Schell ließ sich von ihr fast überlaufen und stürzte bei der Übergabe an Erika Pollmann. So blieb nur Rang sechs.

Hannelore Suppes hervorragender 800-Meter-Sieg in der Weltbestzeit von 2:04,3 Minuten sollte der einzige Erfolg einer (Ost-)Deutschen bei diesem Europacup bleiben. Die Russinnen waren mit sechs ersten Plätzen nicht zu schlagen, Polens Sprinterinnen feierten drei Siege, Ungarn gewann dank der Diskuswerferin Jolan Kleiber.

Der Kasseler Sportführer Dr. Max Danz, damals Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, hatte den Europacup im Auestadion eröffnet. Mit dabei auch der damalige Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, Adrian Paulen aus den Niederlanden. Paulen hatte übrigens sein Domizil im Parkhotel Hessenland aufgeschlagen und hatte Danz vorher nach dem Weg gefragt. „Bei der Einfahrt nach Kassel aus Richtung Warburg immer den Straßenbahnschienen nach, immer geradeaus“, soll die Antwort gewesen sein. Und so wunderten sich damals die Passanten in der Fußgängerzone der Kasseler Innenstadt über einen Pkw mit niederländischem Kennzeichen in ihrem Revier. Mit Hilfe der Polizei ist Paulen aber wieder heil aus der Innenstadt herausgekommen und hat das „Hessenland“ auch gefunden.

Peter Fritschler

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20.05.2016