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Hessische, Tag 1: Ausschläge nach oben? Fehlanzeige – Friedrich ohne gültigen Versuch


Ariane Friedrich (Fotos: Benjamin Heller)

Eines vorweg: In zwei Wochen bei den deutschen Meisterschaften in Kassel wird vieles anders sein. Mehr Masse, mehr Klasse, mehr Stimmung, so viel sollte sicher sein. Dass ein Mehr aber nicht immer positiv sein muss, sah man in und um das Auestadion auch. Oft wurde über die Organisation der Veranstaltung diskutiert. Zu oft. Über falsche Zeiten und Ansetzungen, Verspätungen und andere Verwirrungen und Versäumnisse. Der HLV-Vizepräsident Klaus Schuder sprach von „fehlenden Automatismen“ aufgrund technischer Ausfälle und „händischen Korrekturen“. Soll heißen, so manche Start- und Ergebnislisten mussten per Hand erstellt werden. Es war also Krisenmanagement gefragt. Und das wurde, wen wundert es, selten gewürdigt. Und trotzdem. Es gab auch Anerkennung, selbst aus dem kritikfreudigen Athletenlager. Nun aber zum sportlichen Teil.

Und dort war, wie schon vermutet, Schmalhans Küchenmeister. Vor allem bei den Aktiven. Gar keinen Fuß auf den Boden bekam Hochspringerin Ariane Friedrich. Ohne gültigen Versuch schlich die deutsche Rekordhalterin aus „ihrem Stadion“ (ihr sportliches Talent blitzte erstmals in Hessisch Lichtenau auf, in der Kasseler Nachbarschaft). Kommentar? Fehlanzeige. Was war passiert? Bei 1,76 Meter stieg Friedrich in den Wettkampf ein, die Latte fiel. Sie ging weiter zur nächsten Höhe, versuchte sich an 1,79. Zweimal. Zweimal gerissen. Ein „Salto nullo“ also.

"Es hat einfach nicht gepasst." Dieser Kommentar von Trainer Günter Eisinger beschreibt den Wettkampf von Ariane Friedrich wohl am besten. Er hätte auch sagen können: Viel versucht und nichts gewonnen. Um auf mehr Anlaufgeschwindigkeit zu kommen, wurde nach ihrem Auftaktwettkampf in Eppingen (1,83 Meter) der Anlauf verlängert. Ein Hochsprungkenner wie Eisinger weiß: „Ohne Geschwindigkeit geht im Hochsprung gar nichts. Die Geschwindigkeit war früher Arianes Erfolgsgeheimnis.“ Früher, das heißt vor ihrem Achillessehnenriss und vor ihrer Schwangerschaft. „Seitdem hat sich bei Ariane viel verändert. Aber ich messe sie nicht an ihren früheren Höhen. Das wäre schlichtweg falsch.“ Was zählt, ist das Hier und Jetzt. Und die Bestandsaufnahme kurz vor dem Nominierungsschluss für die Europameisterschaften im Juli sowie die Olympischen Spiele im August fällt ziemlich ernüchternd aus. Zu den vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) geforderten Nominierungsleistungen fehlen neun (EM) respektive zehn (Olympia) Zentimeter. Das Ziel Olympische Spiele – es wären die dritten für Friedrich – gleicht mehr einer rhetorischen Andeutung als einer realistischen Einschätzung. Eisinger fällt es schwer dem zu widersprechen. Im Training sieht er zwar positive Ansätze, er spricht von Kraftwerten, die ihn an Friedrichs beste Zeit als Sportlerin erinnern. Doch Friedrich kann die Ansätze noch nicht transportieren. „Ariane braucht Sprünge und Selbstvertrauen.“ Und möglichst noch einen Wettkampf vor der DM. „Die Blockade muss raus aus dem Kopf.“ Eisingers Parole lautet: „Ruhe bewahren, klarer Kopf, angreifen.“ Er ist sich sicher, da geht noch was in diesem Jahr. Er hofft nur, dass es nicht erst dann passiert, wenn der Normdruck vorbei ist. Eine Randnotiz: Der hessische Meistertitel ging mit bescheidenen 1,67 Meter weg. Nun ja.


Florian Daum, der 100-m-Schnellste

Die ewig junge Frage nach den schnellsten Hessen beantworteten Florian Daum (Wiesbadener LV/10,69 Sekunden/-0,1 m/s) und Lara Matheis (TSG Gießen-Wieseck/12,05/-1,8 m/s), dahinter liefen Steven Müller (LG ovag Friedberg-Fauerbach/10,76) und die Bobfahrerin/Leichtathletin Ann-Christin Strack (LAZ Gießen/12,39) ein. Daum hätte gern eine schnellere Zeit angeboten („Um 10,50 Sekunden“), nach seiner Bestzeit von 10,28 habe ihm lange die Frische und Spritzigkeit gefehlt. Sind die 10,28 der neue Maßstab für ihn? Beantworten will der BWL-Student aus Frankfurt diese Frage noch nicht, „es bedarf dafür noch einer Bestätigung“. Wie auch immer, bei der DM will er ins 100-Meter-Halbfinale und über 200 Meter „schauen, wie es läuft“. Richtig einschätzen könne er sich über die halbe Stadionrunde nicht, dafür habe zu selten speziell darauf trainiert. Seine Saisonbestzeit liegt bei 21,35 Sekunden.

Was war mit Weitspringer Gianluca Puglisi von der LG Eintracht Frankfurt los, dem Hallen-DM-Fünften? Eine Weite von 6,92 Meter und Platz vier entsprechen nicht seinem Anspruchsdenken. „Um 7,50 wollte ich springen.“ Markus Czech, sein Techniktrainer, verriet: „Gianluca ist schneller und kräftiger geworden, dementsprechend hat sich auch der Anlauf verändert.“ Eine erfolgreiche Zusammenführung aller technischen Einzelbausteine in einem Sprung nimmt oft Jahre in Anspruch. Und Czech schiebt nach: „Das ist Giannis erste Aktiven-Saison. Man sollte ihm Zeit geben. Ich glaube, wir befinden uns auf einem guten Weg.“ Puglisis weiterster Sprung des Jahres stehe noch bevor, meint Czech. Warum? „In Heidelberg ist er bei 12 Grad immerhin schon 7,48 gesprungen.“ Und Gianluca Puglisi selbst sagt: „Die U23-DM in Wattenscheid, das sind ´meine` deutschen Meisterschaften.“


Jennifer Zuban, die 100-m-Siegerin U18

Den zufriedensten Eindruck der hessischen Spitzenathleten machte noch Jens Nerkamp vom PSV Grün-Weiß Kassel. Auf seinem Weg zu den Europameisterschnaften im Halbmarathon holte sich der Student in einem flotten Trainingslauf den erwarteten Titel über 5.000 Meter ab. 14:51,86 Minuten waren sogar etwas schneller als geplant, ursprünglich wollte er im Halbmarathon-Renntempo laufen, zwischen 15:10 Minuten und 15:20. Nach einem Blick auf die Startliste stellte Nerkamp fest: „Das hätte heute wohl nicht gereicht. Deshalb habe ich angegriffen.“ Im Angriffsmodus befindet sich der Athlet von Trainer Winfried Aufenanger schon etwas länger, vor allem auf den langen Strecken. Die Gründe? „Im Trainingslager hat alles gepasst.“ Flotte Wettkämpfe folgten: 64:06 Stunden im Halbmarathon, 14:18,20 über 5.000 Meter in Belgien trotz Sturz, unter der Woche eine neue Bestzeit über 1.500 Meter (3:50,90). „Es läuft.“ Wenn er an Amsterdam denkt, dann will er dort am 10. Juli „um jede Sekunde und für die Mannschaft kämpfen.“

Die beste Leistung des Tages in den technischen Wettbewerben bekamen die Wenigsten mit. Auf der Wiese hinter der Gegentribüne, "abseits der hessischen Sprint- und Sprungmeisterschaften" konnte man auf Facebook lesen, schleuderte die 34 Jahre alte Julia Bremser von der LSG Goldener Grund Selters/Ts. die Diskusscheibe auf 55,29 Meter - Saisonbestleistung und derzeit Platz neun im nationalen Vergleich.


Michael Schäfer, der 400-m-Sieger U18

Nun zu den Unter-18-Jährigen. Die Sprintkronen über 100 Meter setzten sich Lennard Wagner (LG Eintracht Frankfurt/11,28/-1,4 m/s) und Jennifer Zuban (TSV Remsfeld/12,05/-1,2 m/s) auf. Der Frankfurter nutzte die Abwesenheit von Lukas Sandmann (Wiesbadener LV/10,64), Jennifer Zuban lief immerhin so schnell wie die Frauen-Siegerin Lara Matheis und glaubt, dass ihre aktuelle Bestzeit (11,94) noch ausbaufähig ist. Schnellster Langsprinter über 400 Meter wurde wie erwartet Michael Schäfer (TSG „Slitisa“ Schlitz/49,58), der auch national ganz oben steht (48,82). „In den letzten zwei Wochen musste ich das Training zurückschrauben, im rechten Fuß habe ich eine Entzündung“, so der Athlet von Cornelia Gambetta. Mit viel Physiotherapie, seine Trainerin ist auch Physiotherapeutin, glaubt er bald wieder vollkommen in die Spur zu kommen. Die nächsten Ziele: Die U18-Gala, die Süddeutschen Meisterschaften („Dort werde ich über 200 Meter starten“) und natürlich die deutschen Jugendmeisterschaften Ende Juli in Mönchengladbach-Rheydt. Michael Schäfer – ein Talent, das auch den HLV-Trainer Robert Schieferer bereits überzeugt hat. „Michael hat die Perspektive, in den nächsten zwei Jahren international für Deutschland zu starten, speziell in der 4x400-Meter-Staffel.“

Tammo Lotz

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04.06.2016