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Zeitmessungsfehler: Pohl verliert Hessenrekord, Olympia-Normen von Flieden futsch


Florian Daum (li.) und Michael Pohl bei ihrem vermeintlichen Rekordlauf in Flieden (Foto: Dirk Wagner)

Gerhard Reichenauer hat das Unheil kommen sehen. Der Vorsitzende des TV Flieden wusste seit letzten Samstag (4. Juni) Bescheid. Darüber, dass die beim Meeting seines Vereins am 22. Mai erzielten Topzeiten nicht den Regeln entsprachen. Mit gefasster Betroffenheit vernahm der Meeting-Organisator am Mittwoch (8. Juni) die Pressemitteilung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), in der es heißt, dass sich nach biomechanischen Analysen von Videomaterial eine Fehlfunktion des Zeitmesssystems herausgestellt hatte. Sämtliche Ergebnisse des Sportfestes werden gestrichen. Das heißt auch: Michael Pohl vom Wiesbadener LV ist seinen 100-Meter-Hessenrekord von 10,24 Sekunden los, die knapp 56 Jahre alte Bestmarke von Armin Hary (FSV Frankfurt/handgestoppte 10,0 am 21. Juni 1960 in Zürich) bleibt bestehen. Ebenso tragisch: Auch die Olympia-Normen über 100 Meter Hürden von Ricarda Lobe (MTG Mannheim/12,89) und Franziska Hoffmann (LAC Erdgas Chemnitz/12,96) verlieren ihre Gültigkeit, genauso die flotten Zeiten von Constantin Schmidt (TG Obertshausen) über 400 Meter (46,39) sowie über 100 Meter Hürden die Leistungen von Miriam Sinnning (LG Eintracht Frankfurt/13,64) und Marshella Foreshaw (Königsteiner LV/13,65), die den Richtwert für die U18-EM erbrachten.

Aber wie wurde aus dem Tag der schnellen Zeiten der Tag der annullierten Zeiten? Im Internet verbreitete Videoaufnahmen aus Flieden und sich anschließende Spekulationen um die Gültigkeit der Zeitmessung hatten den DLV auf den Plan gerufen, eine Nachprüfung anzuordnen. Am 3. Juni erreichte Reichenauer ein dementsprechendes Schreiben, tags darauf ließ der pensionierte Polizeibeamte die die Wettkampfaufzeichnungen auswerten. Mit dem Ergebnis: Der sogenannte „Nullschuss“ fehlte. Mit diesem Probeschuss vor Wettkampfbeginn wird die Auslösung der Zeitmessung überprüft. Und die Auswertung der Zielbilder verschiedener Rennen am 22. Mai ergab eine Verzögerung von 0,16 Sekunden. Wie es zu der Fehlfunktion der vier Jahre alten Anlage kam, müssen weitere Untersuchungen zeigen. „Einen solchen Fehler habe ich in über 25 Jahren, in denen ich mich selbst mit elektronischer Zeitmessung beschäftige, noch nie erlebt“, sagt Frank O. Hamm, der DLV-Vizepräsident Wettkampforganisation. „Im Zuge der Fairness und Gleichbehandlung im Sport gab es keine andere Möglichkeit, als alle Leistungen zu annullieren.“


Gerhard Reichenauer (Foto: Christiane Mader)

Michael Pohl war im ersten Moment „geschockt“. Schließlich habe er sich mit seiner neuen Bestzeit „verewigt“ - nicht zuletzt deshalb, weil der 1960er Doppel-Olympiasieger Armin Hary der vormalige Rekordhalter gewesen ist. Pohl sagt aber auch: „Ich möchte keine Zeit geschenkt bekommen.“ Soll heißen: Wenn die Messung nicht korrekt „genullt“ war, akzeptiere er die Annullierung ohne große Bauchschmerzen. Betroffen ist auch sein Vereinskollege Florian Daum, er hatte sich im Sportpark Flieden auf 10,28 Sekunden verbessert. Nils Keßler, noch ein Wiesbadener, rannte 10,49 Sekunden. Constantin Schmidt erzielte am vergangenen Wochenende in Regensburg übrigens 46,68 Sekunden, Miriam Sinning in Kassel 13,75 Sekunden - das diesbezügliche Leistungsvermögen der beiden Hessen steht also außer Frage. „Damit wäre ich also wieder bei 10,39 Sekunden als Bestzeit. Nur wäre es als Athlet schön zu wissen, um welchen Fehler es sich hierbei genau handelt und in welcher Größe sich dieser in etwa ausgewirkt haben könnte“, schreibt Daum auf Facebook. Bei den deutschen Meisterschaften in Kassel (18./19. Juni) möchte Pohl nun eine „30er Zeit“ anbieten und sich „gut verkaufen“. Anschließend geht es regional und national weiter, Chancen auf einen Staffeleinsatz im DLV-Trikot rechnet er sich nicht aus.

Eine positive Information gibt es dennoch: Alle Athleten und Athletinnen, die mit einer Leistung der Veranstaltung in Flieden für die Deutsche Meisterschaften in Kassel gemeldet haben, werden trotz der gestrichenen Ergebnisse aufgrund einer Sonderregel zugelassen, um den erst nach Meldeschluss festgestellten Fehler nicht zu ihren Ungunsten wirken zu lassen.


Die korrigierte deutsche 100-m-Bestenliste mit Michael Pohl (10,34) und Florian Daum (10,39)

Bezüglich EM- und Olympia-Normen sagt DLV-Cheftrainer Idriss Gonschinska: „Da alle Ergebnisse annulliert wurden, können die in Flieden erbrachten Leistungen im Nominierungsprozess für EM und Olympia nicht berücksichtigt werden. Es ist bedauerlich für die Athleten und Athletinnen, aber aufgrund der Fehlfunktion des Zeitmess-Systems ist keine Vergleichbarkeit der Leistung möglich. Da der Nominierungszeitraum sowohl für die Europameisterschaften in Amsterdam (6. bis 10. Juli) als auch für Olympia (12. bis 21. August) nicht abgeschlossen ist, gibt es weitere Möglichkeiten, sich für die internationalen Höhepunkte zu qualifizieren.“


Gerhard Reichenauer, der auf der HLV-Gala im November für sein Lebenswerk geehrt wurde (er ist seit 1987 Abteilungsleiter beim TV Flieden und mittlerweile auch HLV-Stützpunkttrainer), findet den Sachverhalt „einfach nur ärgerlich und bedauerlich, vor allem für die Athleten“. Er kündigt ein Schreiben an die betroffenen Sportler an, „vielleicht kann ich sie damit ein wenig aufbauen.“ Die Zeitmessanlage wird zur Nachjustierung in die Niederlande geschickt. Kostenpunkt: 600 Euro. Ob und inwieweit sich der Nullschuss-Fauxpas auf die Zukunft des Meetings auswirken wird (2016 war die 4. Auflage), lässt sich natürlich noch nicht beziffern. Doch das Wie und Warum des Messfehlers bereitet Reichenauer „Bauchschmerzen“. „Und sie werden bleiben, bis sich nicht alles aufgeklärt hat.“

tam/tin./Pressemitteilung

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09.06.2016