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Sind die hessischen Männer bereit für internationale Titelkämpfe?


Kamghe Gaba (Fotos: IRIS)

Wenn die Zahlen stimmen, was wir sehr hoffen, sind für die deutschen Meisterschaften in Kassel insgesamt 48 Teilnehmer aus 24 hessischen Vereinen gemeldet. Was wir gleichfalls hoffen: dass nach den zwei Tagen im Auestadion (18./19. Juni) weniger über die ominöse „Road to Rio“ geschrieben wird. Und über erfüllte bzw. nicht erfüllte Normen. Denn bei genauer Betrachtung ging es in den vergangenen Wochen im übergeordneten Kontext fast nur darum: Wer hat wo das DLV-Limit erreicht, wer läuft, springt, wirft hinterher, wer ist raus aufgrund einer Verletzung, Formschwäche oder dem Karriereende? Und Normen gibt es 2016 ja viele: Für Rio, für die EM, für die U20-WM und die U18-EM. Doch wie sieht es eigentlich konkret mit der Olympia-Qualifikation in Kassel aus? Und der „Road to Amsterdam“? Das DLV-Aufgebot für die Titelkämpfe in den Niederlanden (6. bis 10. Juli) wird voraussichtlich am 20. Juni bekanntgegeben; die dritte und letzte Nominierungsrunde des Deutschen Olympischen Sportbundes für Rio (12. bis 21. August) wird am 12. Juli stattfinden. Kassel bietet demnach die letzte EM-Chance, und Kassel ist für Noch-nicht-Normerfüller so gut wie die letzte Chance überhaupt. hlv.de hat sich deshalb die hessischen Kandidatinnen und Kandidaten ein wenig näher angesehen. Ganz uncharmant starten wir mit den Männern, morgen folgen die Frauen. Sicher ist: Der DM-Titel sichert den „Freifahrtschein“ nach Brasilien, die erfüllte Norm vorausgesetzt.

Nein, Michael Pohl, Florian Daum (beide Wiesbadener LV) und Steven Müller (LG ovag Friedberg-Fauerbach) sind keine Anwärter für Rio und Amsterdam. Wir nehmen das Triumvirat textlich dennoch auf, weil es ein hoher Wert an sich ist, schnellster hessischer Sprinter zu sein. Und nicht zuletzt hat das Triumvirat recht belastbare Chancen, die Finalläufe über 100 und 200 Meter zu erreichen. Was im deutschen Sprint (Männer und Frauen!) in diesen schnellen Zeiten eine formidable Leistung ist. Da fällt nicht wirklich ins Gewicht, dass die 100-Meter-Rekorde von Pohl (10,24) und Daum (10,28) des Fliedener Wettkampfes aufgrund der nicht genullten Zeitmessanlage annulliert worden sind. Pohl ist über 100 Meter aussichtsreich im Rennen, Daum und Müller über 200 Meter; nicht zu vergessen natürlich die Wiesbadener Staffel.
100 Meter, Samstag: Vorläufe 12.35 Uhr, Zwischenläufe 13.50 Uhr, Endlauf 14.50 Uhr.
200 Meter, Sonntag: Vorläufe 15 Uhr, Endlauf 17.35 Uhr.
4x100 Meter, Samstag: Finale (Zeitendläufe) 17.35 Uhr.


Constantin Schmidt (li.) und Aleksi Rösler, der am Sonntag in der 4x400-m-Staffel der StG Schlüchtern-Flieden-Obertshausen startet

Eine deutsche 4x400-Meter-Staffel in der Besetzung Johannes Trefz, Alexander Juretzko, Jonas Plass und Constantin Schmidt ist am Dienstabend beim Meeting in Luzern gelaufen und hat eine Zeit von 3:07,03 Minuten erreicht. Das ist leider nicht sonderlich schnell, eher schon sehr langsam, auch und gerade angesichts der vier Einzelzeiten. Und deshalb scheint die Frage aller Fragen vor der DM in Kassel zu lauten: Wer drängt sich auf für die EM-Staffel in Amsterdam? Dass der DLV ein Viertelmeiler-Quartett nach Rio entsendet, ist derzeit so unwahrscheinlich wie ein annähernd regenfreier deutscher Sommer. „In Kassel geht es bei null los“, sagt Robert Schieferer, Trainer von Constantin Schmidt, der für die TG Obertshausen an den Start geht. Soll heißen: Die Platzierten von eins bis fünf können sich Hoffnungen machen, in Amsterdam dabei zu sein. Vor diesem Hintergrund haben der 32-jährige Routinier Kamghe Gaba (LG Eintracht Frankfurt) und Youngster Schmidt gute Chancen. Gaba hat sich vor einigen Tagen nach ausgeheilter Verletzung in Mannheim mit 47,27 Sekunden zurückgemeldet, seine Saisonbestzeit steht bei 46,67 Sekunden. Schmidt ist 2016 mit 46,68 Sekunden gelistet, seine Zeit von Flieden (46,39) ist aus bekannten Gründen gestrichen worden. Zielvorstellung von Schieferer und seinem Athleten: 1. das Finale erreichen, 2. eine persönliche Bestzeit, also schneller sein als 46,50 Sekunden im Vorjahr. Mehr muss zu diesem Wettkampf nicht gesagt werden. Außer dass bislang nur Alexander Gladitz (Hannover/45,94) die EM-Norm von 46,00 Sekunden unterboten hat. Der Weg nach Rio ist noch weiter und beginnt bei 45,40 Sekunden.
400 Meter, Samstag: Vorläufe 16 Uhr. Sonntag: Finale 16.45 Uhr.
4x400 Meter, Sonntag: Finale (Zeitendläufe) 18.35 Uhr.

Marc Reuther vom Wiesbadener LV hat schon einige schnelle Saisonrennen mit persönlichen Bestzeiten hinter sich, zuletzt steigerte er sich in Mannheim auf 1:47,02 Minuten, gleichbedeutend mit Platz fünf in der DLV-Jahresbestenliste. Sein Traumziel, die EM-Norm von 1:46,50 Minuten, hat er noch nicht erreicht. Dass dies in Kassel gelingt, ist angesichts von zwei Wettkämpfen innerhalb von 24 Stunden eher unwahrscheinlich. Zudem sind Meisterschaftsrennen zumeist geprägt von taktischem Geplänkel. Doch vielleicht sind sich die schnellsten Herren ja einig und machen im Finale ordentlich Tempo …
800 Meter, Samstag: Vorläufe 15.35 Uhr. Sonntag: Finale 16.15 Uhr.


Nico Sonnenberg: Geht seine Rechnung über 3.000 Meter Hindernis auf?

Homiyu Tesfaye (LG Eintracht Frankfurt) ist nach einem verletzungsbedingten Ausfalljahr 2015 wieder im Geschäft. Und hat bislang zweimal die 1.500-Meter-Olympianorm (3:36,20) unterboten und sich in der internationalen Klasse zurückgemeldet. Zunächst in Rabat (Marokko) mit 3:35,05 Minuten, dann beim Diamond-League-Meeting in Rom (3:35,44). Auch wenn in Timo Benitz (LG Nordschwarzwald/3:36,40) ein starker Konkurrent in Kassel am Start ist und sich ein packender Zweikampf entwickeln könnte - Tesfaye ist aus hessischer Sicht ein sicherer Gewinnertipp.
1.500 Meter, Samstag: Vorläufe 11.40 Uhr. Sonntag: Finale 14.05 Uhr.

Jens Nerkamp läuft sich quasi in seinem Heimatstadion warm für den EM-Start im Halbmarathon. Der Athlet von Grün-Weiß Kassel ist über 5.000 Meter mit der siebtbesten Saisonzeit (14:18,20 Minuten) gemeldet und wer die kämpferischen Qualitäten des Nordhessen kennt, weiß, dass er alles daran setzen wird, an der zu erwartenden Spitzengruppe um den Saisonschnellsten Florian Orth (Regensburg) und Titelverteidiger Richard Ringer (Friedrichshafen) dranzubleiben.
5.000 Meter, Sonntag: Finale 17.55 Uhr.


Georg Fleischhauer: Kann er sich noch einmal steigern?

Hessen hat schon große Zeiten über 400 Meter Hürden erlebt. Lange her. Aktuell sieht es eher durchwachsen aus. Daran änderte auch der Wechsel von Georg Fleischhauer zur LG Eintracht nichts. In seiner zweiten Frankfurter Saison läuft Fleischhauer seinen Ansprüchen mit 51,34 Sekunden noch hinterher. Die EM-Norm (50,00) hat nur Tobias Giehl aus München unterboten. Stand heute, ist dieser Wettkampf eine Wundertüte, aus der allerdings kaum wirklich Großartiges herauskommen dürfte.
400 Meter Hürden, Samstag: Vorläufe 13.20 Uhr. Sonntag: Finale 15.45 Uhr.

leichtathletik.de hat erkannt, dass die 3.000 Meter Hindernis in einer „kleinen Findungsphase“ stecken. So kann man es ohne schlechtes Gewissen nennen, wenn noch kein Deutscher annähernd in die Nähe der EM- und Olympianorm (8:30 Minuten) gelaufen ist. Auch der Zocker Nico Sonnenberg von der LG Eintracht Frankfurt nicht. Zocker? Ja, denn er hat eine sichere EM-Teilnahme im Halbmarathon getauscht gegen die Chance, sich auf seiner Spezialstrecke für Rio zu qualifizieren. Also: Gas geben!
3.000 Meter Hindernis, Sonntag: Finale 13.45 Uhr.

Im Hochsprung der Männer liegen elf Meldungen vor, darunter jene von Martin Günther (LG Eintracht Frankfurt), der vor zwei Jahren mit 2,25 Meter zum Titel gefloppt ist. Aktuell wird er mit einer Saisonbestleistung von 2,20 Metern geführt - die erhofften Höhenflüge sind seit dem Trainerwechsel zu Tamas Kiss nach Stuttgart demnach ausgeblieben. Um in den Bereich von Amsterdam und Rio zu kommen, müsste sich der ehemalige Hallen-WM-Teilnehmer auf 2,26 bzw. 2,29 Meter steigern. Wie hoch diese Wahrscheinlichkeit ist, mag jeder für sich bewerten.
Hochsprung, Samstag: Finale 12.10 Uhr.

Uwe Martin

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16.06.2016