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Sind die hessischen Frauen bereit für internationale Titelkämpfe?


Gesa Krause bei ihrem Meisterschaftsrekord 2015 (Fotos: IRIS)

Wenn die Zahlen stimmen, was wir sehr hoffen, sind für die deutschen Meisterschaften in Kassel insgesamt 48 Teilnehmer aus 24 hessischen Vereinen gemeldet. Was wir gleichfalls hoffen: dass nach den zwei Tagen im Auestadion (18./19. Juni) weniger über die ominöse „Road to Rio“ geschrieben wird. Und über erfüllte bzw. nicht erfüllte Normen. Denn bei genauer Betrachtung ging es in den vergangenen Wochen im übergeordneten Kontext fast nur darum: Wer hat wo das DLV-Limit erreicht, wer läuft, springt, wirft hinterher, wer ist raus aufgrund einer Verletzung, Formschwäche oder dem Karriereende? Und Normen gibt es 2016 ja viele: Für Rio, für die EM, für die U20-WM und die U18-EM. Doch wie ist es eigentlich konkret mit der Olympia-Qualifikation in Kassel? Und der „Road to Amsterdam“? Das DLV-Aufgebot für die Titelkämpfe in den Niederlanden (6. bis 10. Juli) wird voraussichtlich am 20. Juni bekanntgegeben; die dritte und letzte Nominierungsrunde des Deutschen Olympischen Sportbundes für Rio (12. bis 21. August) wird am 12. Juli stattfinden. Kassel bietet demnach die letzte EM-Chance, und Kassel ist für Noch-nicht-Normerfüller so gut wie die letzte Chance überhaupt. hlv.de hat sich deshalb die hessischen Kandidatinnen und Kandidaten ein wenig näher angesehen. Gestern waren die Männer dran, heute widmen wir uns den Frauen. Sicher ist: Der DM-Titel sichert den „Freifahrtschein“ nach Brasilien, die erfüllte Norm vorausgesetzt.

Die LG Eintracht Frankfurt und die Meistertitel im Frauen-Hammerwurf – seit 2000 eine Konstante, die nur einmal, 2004 durch Andrea Bunjes vom SV Holtland (auch sie trug später das Frankfurter Trikot), unterbrochen wurde. Sollte wirklich jemand an der Fortsetzung dieser Serie zweifeln? Aber nein! Trotz dieser Dominanz fällt schon lange auf: Von den aktuellen Protagonistinnen trainiert nur noch Kathrin Klaas (bisher 2016: 71,78 Meter) am Bundesstützpunkt an der Hahnstraße. Aber wie lange noch? Die Frage, ob sie nach Olympia weiterwirft, hat die 32-Jährige noch nicht beantwortet. Bei der gleichaltrigen Betty Heidler (75,46), die ihren Trainingsmittelpunkt seit 2013 in Berlin hat, ist klar: nach Rio ist Schluss. Bleibt noch Carolin Paesler. Auch sie verbindet mit der Rhein-Main-Region nur noch ihr Startpass, sie trainiert ebenfalls bei Bundestrainer Michael Deyhle in Berlin. Wegen eines Bänderanrisses im linken Fuß, zugezogen im April, ist Paesler noch nicht über 67,51 Meter hinausgekommen. Paeslers Bestweite, 70,76 Meter, stammt aus dem Jahr 2014. Bessere Chancen auf den dritten Platz in Kassel hat wohl Charlene Woitha (SCC Berlin/69,49). Es gibt noch eine vierte gemeldete Frankfurter Werferin, Katharina Mähring, Jahrgang 1995, Saisonbestleistung: 60,09 Meter, Neuzugang von der Unterländer LG, ehrgeizige Journalismus- und Kommunikationsdesign-Studentin mit dem Ziel Olympia. „2020 in Tokio reinschnuppern und 2024 dann richtig durchstarten“, wird sie auf ihrem Facebook-Profil zitiert. Eine kleine Fußnote sei erlaubt: Auch sie trainiert nicht an der Hahnstraße, sondern in der Bundeshauptstadt.
Hammerwurf, Samstag: Finale 11.30 Uhr.


Betty Heidler: Ein sicherer Gewinnertipp bei ihrer letzten DM

Gesa Felicitas Krause von der LG Eintracht Frankfurt steht vor ihrer dritten EM und ihren zweiten Olympischen Spielen. Nicht schlecht für eine nicht einmal 24-Jährige, die mit dem schnellsten Saisoneinstieg ihrer Karriere (9:22,33 Minuten) ihre internationale Klasse untermauert hat, ebenso mit ihrer 1.500-Meter-Bestzeit von Stockholm (4:06,99) zwei Tage vor der DM, gleichbedeutend mit der Olympia-Norm. Ihrer Titelverteidigung im Auestadion sollte nichts im Wege stehen. Spätestens in Brasilien könnte auch der deutsche Rekord von Europameisterin Antje Möldner (9:18,54/2009) wackeln. Für Maya Rehberg (Rönnau/9:39,18) und Jana Sussmann (Hamburg/9:43,56) geht es Kassel vornehmlich darum ihre EM- und Olympia-Nominierungen abzusichern.
3.000 Meter Hindernis, Samstag: Finale 14.05 Uhr.

Sie ist die neue starke Frau im hessischen Sprint: Lisa Mayer, 20 Jahre jung, Landesrekordlerin über 100 und 200 Meter (11,25/23,04 Sekunden). Und nach ihrem Staffeleinsatz von Regensburg - zusammen mit Tatjana Pinto (Paderborn), Gina Lückenkemper (Dortmund) und Rebekka Haase (LV Erzgebirge) erzielte die Germanistik- und Geographiestudentin aus Frankfurt die schnellste Zeit eines deutschen Sprintquartetts seit 25 Jahren (42,00) – befindet sich Mayer auf dem besten Weg zur EM und den Olympischen Spielen. Auch im Einzel sieht es in Kassel gut aus. Über 200 Meter rangiert die Mittelhessin im Kampf um die drei Startplätze auf Platz zwei, über 100 Meter ist sie nach der Absage von Gina Lückenkemper (sie konzentriert sich allein auf die 200 Meter) Dritte. Und wer die Wettkampfqualitäten der Hallen-DM-Zweiten über 200 Meter kennt, der weiß, dass sie in der Lage ist in den wichtigen Rennen ihre besten Leistungen abzurufen.
100 Meter, Samstag: Vorläufe 11.55 Uhr, Zwischenläufe 13.40 Uhr, Endlauf 14.45 Uhr.
200 Meter, Sonntag: Vorläufe 14.45 Uhr, Endlauf 17.20 Uhr.


Diana und Elina Sujew: Jagd auf die EM-Norm über 1.500 Meter

4:09 Minuten – das ist die EM-Norm über 1.500 Meter, an der sich auch die Frankfurterinnen Diana und Elina Sujew orientieren. Die Jahresbeste, die junge Leverkusenerin Konstanze Klosterhalfen (in 4:06,91 blieb sie sogar knapp unter dem Olympia-Limit), könnte für ein schnelles Rennen sorgen, wenn sie sich denn nicht für einen Start über 800 Meter entscheidet. Auch die Regensburgerin Maren Kock (4:09,33) hat zwei Optionen, sie ist auch als Schnellste über 5.000 Meter gemeldet. Nur knapp den Amsterdam-Richtwert verpasst haben bisher die Wattenscheiderin Denise Krebs (4:09,21) und Hanna Klein von der SG Schorndorf (4:09,74). Diana Sujew (4:12,51) muss ihre Form der Jahre 2012 bis 2014 (Bestzeit: 4:05,62/2013) erreichen, will sie in den Kampf um die EM-Tickets eingreifen. Das gleiche gilt für ihre Zwillingsschwester Elina (4:13,67), die in den Jahren 2012 bis 2015 stets unter 4:10 geblieben ist (Bestzeit: 4:07,36/2012). Ein Angriff auf die Rio-Vorgabe (4:07) steht wohl nicht zur Disposition.
1.500 Meter, Samstag: Vorläufe 11.35 Uhr. Sonntag: Finale 14.20 Uhr.

Eine kleine Erinnerung: Vor fünf Jahren, als die DM erstmals im Auestadion stattfand, gewann 400-Meter-Hürdenläuferin Christiane Klopsch (LG ovag Friedberg-Fauerbach) einen von zwei Titeln für den hessischen Verband. Die junge Frau hat sich im vergangenen Jahr gegen eine Fortführung ihrer Karriere und für den Beruf als Journalistin entschieden - und dennoch ist in dieser kräftezehrenden, aufwendigen Disziplin auch 2016 eine Hessin am Start: Eileen Demes vom TV Neu-Isenburg. Mit 58,92 Sekunden ist sie die Nummer 7 der Meldeliste. Und ihr Auftrag ist klar definiert: Als Nachwuchsathletin des Jahrgangs 1997 gegen starke nationale Konkurrenz weitere Erfahrung sammeln, ins Finale laufen und nach Möglichkeit eine persönliche Bestzeit mit nach Hause nehmen. Die steht seit zwei Jahren bei 58,68 Sekunden. Aber Priorität, sagt ihr Trainer Robert Schieferer, habe die Junioren-Gala eine Woche später in Mannheim. Dort hat Eileen Demes beste Chancen, sich final für die U20-WM zu qualifizieren. (tin.)
400 Meter Hürden, Samstag: Vorläufe 13 Uhr. Sonntag: Finale 15.30 Uhr.

Wer es gerne dramatisch formuliert mag, könnte sich zu folgender Einschätzung durchringen: Ariane Friedrich steht bei der DM in Kassel an einem Wendepunkt. 32 Jahre alt ist die deutsche Hochsprung-Rekordhalterin (2,06 Meter), ehemalige Hallen-Europameisterin (2009) und WM-Dritte von 2009 mittlerweile. Und es ist keine Frage, dass mehr als ein Dutzend Jahre Hochleistungssport Spuren und Narben an ihrem Körper hinterlassen haben. Und darauf, wie und ob ihre Karriere weitergeht, könnte der Wettkampf am Sonntag entscheidenden Einfluss haben. Denn der sportliche Stand ist relativ einfach beschrieben: In der Hallensaison glückte ihr nach der Babypause mit 1,88 Meter ein durchwachsenes Comeback, im Sommer ist sie bislang nicht über 1,83 Meter hinausgekommen. Tiefpunkt waren die Hessenmeisterschaften in Kassel vor zwei Wochen mit einem „Salto Nullo“. Und genau dort, im Auestadion, wo sie nach dem offiziellen Wettkampf noch erfolgreiche Trainingssprünge über 1,85 Meter absolvierte, geht es bei der DM wohl zunächst darum, sich zu behaupten. Und damit eine sportliche Perspektive im Blick zu behalten - wie auch immer diese aussehen könnte. Die Normen für Rio (1,93/es wären ihre dritten Olympischen Spiele) und Amsterdam (1,92) jedenfalls erscheinen ewig hoch. Ariane Friedrich, viele Jahre DIE deutsche Vorzeige-Leichtathletin, hat ein würdiges Karriereende verdient. Ob es dazu kommt, dürfte sich in Kassel vorentscheiden. Ebenfalls unter den elf Gemeldeten: die Siebenkämpferin Carolin Schäfer, die freilich eine Woche später in Ratingen ihr Olympia-Ticket absichern möchte. (tin.)
Hochsprung, Sonntag: Finale 13.40 Uhr.


Eileen Demes: Für die U20-WM empfehlen

leichtathletik.de nennt die Konstellation vor dem Weitsprung „ein Auf und Ab“. Die Weltjahresbeste Sosthene Moguenara (Saar 05 Saarbrücken/7,16 Meter) verletzte sich bei einem Werbedreh, die Berlinerin Melanie Bauschke (6,70) wird wegen eines Bänderrisses fehlen. So kommt Alexandra Wester vom ASV Köln, die Aufsteigerin aus der Halle, mit der besten Vorleistung nach Kassel (6,79), mit zu viel Windunterstützung wurden schon 7,00 Meter gemessen. Titelverteidigerin Lena Malkus (Münster) greift erst in Kassel ins Geschehen ein, für Malaika Mihambo von der LG Kurpfalz taucht bisher erst ein Wettkampf in der Statistik auf (6,51). Für die Hessinnen Maryse Luzolo vom Königsteiner LV (6,57) und Xenia Stolz vom Wiesbadener LV (6,56) gilt: Die EM-Norm von 6,65 Meter ist nicht weit weg, fünf Zentimeter mehr sind für Rio gefordert. Und misst sich die Frankfurter Siebenkämpferin Claudia Rath (6,62) eine Woche vor Ratingen mit den Spezialistinnen? Viele Fragezeichen, der Wettkampf wird die Antworten bringen.
Weitsprung, Samstag: Finale 13.15 Uhr.

Die Einschätzung der Vorjahres-Dritten Laura Hottenrott (GSV Eintracht Baunatal) zu den 5.000 Metern können sie hier lesen. Insgesamt werden acht hessische Läuferinnen in der Meldeliste geführt, darunter die Berglauf- und Cross-Europameisterin Sarah Kistner vom MTV Kronberg, die wegen gesundheitlicher Probleme in diesem Jahr erst drei Wettkämpfe bestritten hat. Die 18-Jährige tritt mit einer Sonderstartgenehmigung an. „Wunderdinge darf man keine erwarten. Aber Sarah befindet sich auf einem guten Weg“, sagt ihr Trainer Martin Lütge-Varney. Ob das die U20-WM-Norm von 16:20 Minuten miteinschließt (Sarah Kistners Bestzeit aus dem letzten Jahr liegt bei 16:31,92)? Am Sonntagabend wissen wir mehr.
5.000 Meter, Sonntag, Finale 17 Uhr.

Tammo Lotz / Uwe Martin

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17.06.2016