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Elfter DM-Titel für Betty Heidler: Weltklasse-Serie im Auestadion


Wieder Meisterin – Betty Heidler (Fotos: IRIS)

Letzter Auftritt für das Mädchen aus Ost-Berlin im Trikot der LG Eintracht Frankfurt bei den deutschen Meisterschaften. Eine Verbeugung in Richtung Gegentribüne, eine Verbeugung in Richtung Haupttribüne - der Abschied von Betty Heidler war emotional, gezeichnet von Dankbarkeit gegenüber dem Publikum. In Kassel, genauer im Auestadion, ging am 18. Juni 2016 eine Ära zu Ende. Es war der elfte Meistertitel für die 32-Jährige, errungen in einem Wettkampf, in dem die anderen Teilnehmerinnen - Konkurrentinnen sollte man nicht sagen - nicht mehr als statistische Staffage gewesen sind. Die Serie von Betty Heidler war Weltklasse, bereits ihr erster Versuch wurde mit 73,35 Metern vermessen, ihre Tagesbestweite erzielte sie in Durchgang drei (75,32). Auf diesem Niveau ging es weiter. „Nein, es war nicht schwierig“, antwortete sie auf die Frage, ob es nicht kompliziert gewesen sei, quasi als Solistin im Ring aktiv gewesen zu sein. Dass sie ihre Karriere nach dieser Saison beenden würde, steht seit einigen Wochen fest, dennoch spürte sie „ein bisschen Wehmut“ bei ihrer definitiv letzten DM. „Aber die Saison ist ja noch nicht beendet.“ Ganz im Gegenteil: Die Höhepunkte mit der EM in Amsterdam und Olympia in Rio stehen bevor. Doch zurück zu Kassel. „Es ist ein kleines, aber feines Stadion.“ Und die Unterstützung von den Rängen? „Gut, außergewöhnlich gut.“ Wie auch der Ring. Die Wettkampfreise von Betty Heidler geht noch eine Zeitlang weiter, dann wird sie dem Hammerwerfen, der deutschen Leichtathletik fehlen.

Aber das dauert. Aktuell hat die IAAF am Freitag bekannt gegeben hat, dass die Sperre der russischen Leichtathleten Bestand haben wird. Womit auch die Ausgangssituation für Betty Heidler eine andere geworden ist. Anders gesagt: Sie hat noch bessere Chancen, weitere Medaillen zu gewinnen. Die bereinigte Weltjahresbestenliste 2016 - ohne Russinnen - führt die polnische Weltrekordhalterin Anita Wlodarczyk (79,48 Meter) an, dahinter folgen die US-Amerikanerin Gwen Berry (76,31), die Chinesin Wenxiu Xang (75,58) - dann kommt Betty Heidler (75,46). Zu ihrer Saisonbestleistung fehlte in Kassel also nicht viel. Reserven? „Das gucke ich mir mit der Biomechanik an.“


Im Ring, hinter dem Netz

Die russischen Hammerwerferinnen und Betty Heidler - diese Konkurrenzsituation ist aus nachvollziehbaren Gründen schon immer grenzwertig bis extrem schwierig gewesen. Unter der Hand hatte ihr Heim- und Bundestrainer Michael Deyhle (Berlin) stets auch ungefragt Dopingverdächtigungen geäußert; handfest belegt wurden diese durch die mittlerweile lebenslange Sperre von Tatjana Lysenko. Auch diese Athletin hatte mal den Weltrekord, wie auch Betty Heidler (79,42/2011), und war bei den Olympischen Spielen 2012 mit der Silbermedaille einen Rang vor der Wahlhessin platziert. Nun rückt Betty Heidler vier Jahre zu spät nachträglich eins rauf, was für sie „keinen gefühlten Wert hat“, aber immerhin „ein bisschen Genugtuung“ bringt. Das Thema Olympia 2012, man vermutet es, ist durch.

Das andere, die höchstwahrscheinliche Absenz aller russischen Leichtathleten in Rio, ist extrem aktuell. „Ich glaube, bis auf die Russen finden alle diese Entscheidung gut“, sagt sie. „Natürlich ungerecht“ sei der Ausschluss nur für jene russischen Athleten, "die sauber sind". Der umstrittene IAAF-Präsident Sebastian Coe hat den Ausschluss verkündet, das IOC ihn mittlerweile bestätigt.

Betty Heidler macht einen fokussierten, zugleich entspannten Eindruck. Ob es allerdings eine gute Idee ist, die EM „aus dem Training heraus als Test“ zu bestreiten? Das ist schon einmal dramatisch schiefgegangen. Bei der EM 2012 in Helsinki mit dem Aus in der Qualifikation, der Hammer flog seinerzeit nur knapp über die 65-Meter-Linie. Dass genau dies nicht nochmal passieren soll, keine Frage. Die Olympischen Spiele in Rio sind übrigens die vierten in ihrer Karriere. Nach Athen 2004 (vierter Platz), Peking 2008 (9.) und London. „Anita Wlodarczyk ist selbstverständlich die haushohe Favoritin. Ansonsten entscheidet die Tagesform.“ Soll heißen: Nicht alles, aber vieles ist möglich. Dass die zuletzt überragende Weltrekordhalterin (81,08/2015) in Rio straucheln könnte, wäre wohl tatsächlich eine allzu pikante Denkweise.

Uwe Martin

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18.06.2016