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Auf der Suche nach dem olympischen Geist


Uwe Martin (Foto: Christiane Mader)

Ich bin ein Kind der Olympischen Sommerspiele. Meine sportliche Sozialisation begann 1972 mit schwarz-weißen Übertragungen aus dem Münchner Stadion. Zehn war ich damals, und die Erinnerungen sind verbunden mit Ulrike Meyfarth, Klaus Wolfermann, Heide Rosendahl und der Zeltdach-Konstruktion. München ist der Entwurf gewesen, wie Olympische Spiele aussehen müssen, um der Welt zu zeigen: Der konservative Muff, verbunden mit dem Wirtschaftswunder-Konsum als gesellschaftlichem Klebstoff, sind Vergangenheit, wir sind entspannt, manchmal fröhlich. Es hat funktioniert. Bis der Palästinenser-Terror nach München kam und zum schlimmen Ende elf getötete Sportler und Trainer aus Israel, fünf tote Terroristen sowie ein gestorbener deutscher Polizisten gezählt wurden. Nach der Trauerzeit sprach IOC-Präsident Avery Brundage den Satz: „The games must go on.“ Das tun sie bekanntlich bis heute.

Doch meine emotionale Begeisterung für die fünf olympischen Ringe ist weg, in 44 Jahren quasi den Bach runtergegangen. Zuletzt hat Peter Sturm in der F.A.Z. die Frage gestellt: Wozu noch Olympia? Ja, wozu eigentlich? Darüber grübelt zumindest der Halbmarathon-EM-Teilnehmer Jens Nerkamp aus Kassel: „Die Entscheidung des IOC ist für mich der Dolchstoß gegen den sauberen Sport. Da fragt man sich langsam, ob Olympische Spiele wirklich das Größte für einen Sportler bleiben.“ Gemeint war der IOC-Beschluss, die Entscheidung, weitere russische Sportarten (neben der Leichtathletik) von Rio auszugrenzen, an die internationalen Fachverbände weiterzuschieben.


1988, der Dopingskandal um Ben Johnson

Die Olympischen Sommerspiele haben neben München weiteren (sport-)politischen und anderen Missbrauch aushalten müssen: die nach oben gestreckten Arme und Hakenkreuze der Nazi-Mörder 1936 in Berlin, 1980 in Moskau den Boykott des Westens, 1984 in Los Angeles den Ostblock-Gegenboykott, 1988 in Seoul den Doping-Skandal um den zwischenzeitlichen 100-Meter-Sieger Ben Johnson - wobei mit dem hochgezüchteten Kanadier in einer Hochphase des Kalten Dopingkriegs nur der dümmste Sünder erwischt wurde. Fast alle anderen Finalteilnehmer in dem bislang schmutzigsten Rennen der Olympia-Historie wurden erst später positiv getestet. Und nur zur Erinnerung: Die Weltrekorde der seinerzeitigen amerikanischen Dreifach-Olympiasiegerin Florence Griffith-Joyner - 10,49 und 21,34 Sekunden, gestorben 1998 mit 38 Jahren - bestehen seit 1988. Mit dem rhetorischen Underdog Ben Johnson hatte ich damals Mitleid, ich mochte ihn. Auch weil ich mir schon dachte, dass man ihn geopfert hatte, um das löchrige System zu schützen.

Doch die olympische Idee rumorte wenigstens noch: Völkerverständigung, ganzheitliche Entwicklung des jungen Menschen, Fairplay, ethische und moralische Grundsätze (…) vermeintlich hochgehalten vom IOC als Dachgremium des Weltsports, gläubige Sportpolitiker sprechen in Sonntagsreden gerne davon. Wie es wirklich ist, wurde etwas später öffentlich. 1992 in Barcelona habe ich mit Heike Henkel und Dieter Baumann gezittert und wurde dennoch das Gefühl nicht los, dass die Vergabe ein Kniefall vor dem IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch und seiner Geburtsstadt gewesen ist. Sachlich unbegründet, denn Barcelona war bereits zweimal (1924, 1936) durchgefallen, also irgendwie dran. Aber Samaranch hatte einst als Berufspolitiker im faschistischen Franco-Spanien glänzend Karriere gemacht. Das machte alles etwas unappetitlich.


Muskelspiele - als Buchempfehlung

1996, Atlanta. Brausespiele statt Athen, wo 100 Jahre zuvor die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden. Welche Macht der IOC-Permanentsponsor Coca-Cola hat, wurde offensichtlich. Denn ohne die finanzielle und werbende Unterstützung des Limonaden-Herstellers wäre das Atlanta-Bewerbungskomitee ab 1987 niemals auf die Beine gekommen. Gut geschmiert oder nur ein gutes Netzwerk? Sicher ist: Der Kommerz hatte endgültig gewonnen, der Ausverkauf der olympischen Ideale nahm Fahrt auf. Trotzdem: Ich bin nachts aufgestanden (oder wachgeblieben) und habe mit Lars Riedel und Frank Busemann gezittert. Und ein paar Tränen vergossen bei der Entzündung der olympischen Flamme durch mein Sportidol Muhammad Ali. Auch er war Olympiasieger, 1960 in Rom, und er war grandios. Die Wucht der Bilder hatte, wie vom IOC arrangiert, ein letztes Mal gewonnen. Vor ein paar Wochen ist Ali gestorben, ich habe wieder geweint, mit 53. Das gibt’s sonst nicht.

2000, Sydney, Australien, das Opera House und der Weitsprung-Sieg für die nicht mehr ganz junge Heike Drechsler. Nochmals so etwas wie Empathie. Dann war Schluss. Die Flamme erloschen. Was 2004 in Athen passierte, habe ich aus Groll wegen 1996 nur mehr im Vorbeiflimmern wahrgenommen; ebenso Peking 2008 aus politischen Gründen, 2012 in London kamen der smarte Lord Sebastian Coe und die anderen Organisatoren auch ohne meine wankelmütige Zuneigung glänzend zurecht. Zusammenfassungen reichten.

Und heute? Wie zu hören ist, scheint die Stimmung in Brasilien und speziell in der olympischen Metropolregion mit zwölf Millionen Einwohnern nicht gerade himmelhochjauzend zu sein. Hinzu kommen verschmutztes Wasser im Segelrevier, substanzielle Probleme im olympischen Dorf etc. Es sind noch jede Menge der (zu teuren) Tickets erhältlich. Zudem hat der Bundesstaat Rio de Janeiro große finanzielle Schwierigkeiten und ist mit der Zahlung von Gehältern in Rückstand. Das ganze Land ächzt unter einer Politik- und Wirtschaftskrise.


Betty Heidler 2012 in London (Foto: IRIS)

Was Athletinnen und Athletinnen wirklich denken, wenn sie zu Olympia befragt werden? Etwa über das Staatsdoping in Russland, den Leichtathletik-Weltverband IAAF, der die Mittelstrecklerin Diana Sujew (Frankfurt) zunächst über einen Quotenplatz einlud, dann wieder auslud, dann wieder zuließ? Wie sich Sportler fühlen als Spielball von selten lupenreinen, aber bisweilen höchst korrupten Funktionären? Stützt nicht einer immer nur den nächsten? Nicht zuletzt: Wofür steht das Fünf-Ringe-Imperium eigentlich noch? Und ist es nicht Betrug an uns allen gewesen, dass wir 2012 mit Betty Heidler gezittert haben, ob ihr entscheidender Versuch zu Hammerwurf-Bronze nach einer indiskutablen Software-Panne schließlich doch vermessen wird und sie vier Jahre später aufgrund des positiven Nachtests der Russin Tatjana Lysenko dann sogar Silber zugesprochen bekommt? Viele Ergebnisse sind längst auf dem Verschiebebahnhof angekommen, Halbwertszeit ungewiss.

Der Sport legitimiere sich nicht mehr aus sich selbst heraus, meinte Rolf Müller unlängst. Dazu geführt hätten die Dominanz des Kommerzes, die abnehmende Integrität, die Doping-Manipulationen, die Betrugsfälle und die Gier, so der Präsident des Landessportbundes Hessen. Anders gesagt: Die Olympischen Spiele sind ein Albtraum geworden, veranstaltet vom IOC als gigantischem, in Teilbereichen repressivem Sportimperium, das kommerziell erfolgreich ist, aber keine Inhalte vermittelt und angekündigte Reformen nicht mit Nachdruck umsetzt. Immerhin stimmen die Zahlen, sie werden sogar immer besser: In den vier Jahren von 2013 bis 2016 (Winter- und Sommerspiele) hat das IOC insgesamt 5,5 Milliarden Euro erlöst. 2010 sollen die Bargeldreserven knapp 300 Millionen Dollar betragen haben, in kurz- und langfristigen Geldanlagen steckten weitere 800 Millionen Dollar.


Ulrike Meyfarth 1972 in München

Und viel zu viele Athleten, ohne die es Olympische Spiele gar nicht bedürfte, schweigen in diesem Kontext, handeln nach dem Motto. Augen zu und durch, Hauptsache dabei! Sie trainieren seit gefühlten Ewigkeiten auf der „Road to Rio“ und sitzen damit genauso einem PR-Brimborium auf wie sie die Floskel „ich lebe meinen Traum“ vermittelt. Wie sich der „Traum“ Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat darstellt, teilen die besonders Eilfertigen auf Facebook und Instagram mit. Mit Wasserstandsmeldungen aus dem Höhentrainingslager, Ernährungstipps, was so privat gekocht wird, eigenen Buchveröffentlichungen, Fotos, die beinahe kindliche und somit naive Freude suggerieren. Diese Kultur der Selbstinszenierung inkludiert zumeist Hashtags von Sponsoren oder Geldgeber-Websites. Die Selbstbestimmung ist dahin, der Vermarktungszwang hat sich längst auf die Aktiven ausgeweitet.

Natürlich kann man sich während der Spiele schwärmerisch in die Arenen oder vor den Flatscreen setzen - wenn man ein verträumter Sportromantiker ist und irgendwo schemenhaft den olympischen Geist erkennt. Ich sehe ihn nicht, aber man soll die Hoffnung ja nie aufgeben.

In diesem Sinne wünsche ich den acht hessischen Leichtathletinnen und Leichtathleten den größtmöglichen sportlichen Erfolg in Rio. Sie haben dafür genug investiert.

Uwe Martin

Zum Autor: Der Wiesbadener war 1978 drittbester deutscher B-Jugend-Hochspringer mit 2,00 Metern; 1983 deutscher Junioren-Vizemeister (2,20), seine Bestleistung (2,25/1987) sprang er im Trikot der LG Frankfurt. International kamen zwei Junioren-Länderkämpfe, ein Länderkampf und die Ersatzmann-Rolle für die Hallen-EM 1987 zusammen. Als freier Sportjournalist war er u.a. 28 Jahre für die F.A.Z tätig, gemeinsam mit Tammo Lotz verantwortet und gestaltet er die redaktionellen Inhalte von hlv.de.

 


04.08.2016