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Hessische Seniorenmeisterschaften in Friedberg: Ein Erkundungsbesuch


Siegfried Meyer, ganz oben (Foto: HLV)

Auch die hessischen Senioren-Leichtathleten bilden so etwas wie eine geschlossene Gruppe. Bei Wettkämpfen sind sie meistens unter sich, man kennt und zumeist schätzt man sich; Zuschauer, die ihnen beim Laufen, Springen und Werfen zusehen, gibt es so gut wie nicht. Und im Gegensatz zur Schüler-, Jugend- und Aktiven-Leichtathletik sind auch keine Trainer vor Ort. Was ohnehin jeder weiß: Niemand kann dem Körper dauerhaft ein Schnippchen schlagen, das viel zitierte Motto „Wer rastet, der rostet“, gilt - wenn überhaupt - nur wohl bedingt. Die Wahrheit sieht natürlich auch so aus: Der Körper fordert mit zunehmendem Alter seinen Tribut, nichts geht mit 50, 60 oder 70 so geschmeidig wie mit 20 oder 30 Jahren. Nichtsdestotrotz kämpfen jährlich einige hundert Senioren um hessische Meisterwimpel. Aber warum? Für die Titelkämpfe am vergangenen Wochenende auf der idyllischen Sportanlage Burgfeld in Friedberg lagen 285 Meldungen vor, was ein leichtes Minus im Vergleich zum Vorjahr (350 in Neu-Isenburg) war. Der Termin war spät zustande gekommen, doch letztlich durften alle froh sein, dass Volker Weber und sein Team bereit gewesen sind, die Meisterschaften zu stemmen, ansonsten wären sie womöglich ausgefallen. Eindrücke von einem Ortsbesuch.

Es war am Samstag so gegen 15.45 Uhr. Der Diskus-Wettbewerb M70/75 und M80/85 hatte gerade begonnen. Warum nicht diese technisch anspruchsvolle Disziplin für eine exemplarische Betrachtung wählen? Im Kreis laufen ist koordinativ weit weniger schwierig, auch der parallel stattfindende Weitsprung reizte nicht. Also herangepirscht an die älteren Herrschaften im Wurfring. Was als erstes auffällt: die vielen Klappstühle bzw. zusammenklappbaren Stühle. Zirka ein Dutzend. Man macht es sich also gerne bequem zwischen den sechs Versuchen. Einer nicht. Siegfried Meyer. Groß gewachsen, eine Hüne von einem Mann, Brillenträger, lange, schwarze, Hose, darunter knallgelbe Wurfschuhe mit glatter Sohle. Den Oberkörper bedeckt das Trikot vom TuS Eintracht Wiesbaden, gegründet 1846. Meyer schlendert hin und her, her und hin, er ist unruhig, simuliert die Drehbewegung, blickt unzufrieden. 34,63 Meter weit schleudert er die 1-Kilogramm-Scheibe an diesem späten Nachmittag. Das reicht knapp für den Sieg, Platz zwei geht an Basilius Balschalarski vom TuSpo Borken (34,39), den dritten Rang sichert sich Werner Lotz (LG Wettenberg/31,19). Es gibt ein Shakehand zwischen Meister und Vizemeister, im Speerwurf (40,51/38,48 Meter) war die Reihenfolge genau anders herum gewesen. Im Kugelstoßen (10,47) wurde Meyer Vierter.


Bei den älteren Herren dürfen die Sitzgelegenheiten nicht fehlen (Foto: HLV)

„Diskuswerfen ist so eine feine Rotationsdisziplin“, sagt Meyer. „Heute hat die Feinabstimmung gefehlt.“ Der Grund? Nun ja. Der Pensionär hat im August einen dreiwöchigen Urlaub auf Usedom verbracht, und nur ein Heimtraining war dann doch zu wenig für eine persönliche Top-Leistung. Eine Einschätzung, die sich durch Zahlen belegen lässt: Bei den deutschen Winterwurfmeisterschaften in Erfurt war sein Diskus fast fünf Meter weiter gesegelt, Meyer wurde Dritter. Doch was treibt den 69-Jährigen an, weshalb misst sich der ehemalige Lehrer für Politik, Ethik und Sport mit anderen? „Es hat nichts mit Konkurrenz und Wettkampf zu tun.“ Er spricht von motivierender Feine, die er verspüre, wenn er gegen andere antritt. Und nicht zuletzt könne er im Training mehr aus sich herausholen, wenn er auch Wettkämpfe absolviere. „Doch das Wichtigste im Seniorensport ist die Gemeinschaft.“

Meyer ist kein Ex-Spitzensportler, die ihre Karriere ohnehin nur äußerst selten in die Seniorenklassen hinein verlängern. Als ehemaliger Sportlehrer hatte er zu den Leibesübungen stets einen berufsbedingten Bezug („Ich war immer sportlich orientiert“), im Studium musste er einen Zehnkampf hinter sich bringen, später ist er Marathon gelaufen. Mit Wettkämpfen in der Senioren-Leichtathletik begann Meyer jedoch erst vor 18 Jahren nach seinem Schul- und Ortswechsel von Marburg nach Wiesbaden. Dass er sich den Traditionsklub Eintracht Wiesbaden ausgesucht hat, ist kein Zufall. Als Alt-68er wollte sich Meyer einem klassischen Arbeiterverein anschließen. Quasi inkludiert vorgefunden hat er auch eine ambitionierte Wettkampfgruppe - bei den deutschen Seniorenmeisterschaften gewann das M70-Quartett der Eintracht den Titel über 4x100 Meter. Körperlich ist er seinem Alter entsprechend fit. Keine Probleme? „Nun ja, ein bisschen plagt der Rücken, aber es geht immer weiter.“ Und auch bei seinem nächsten Start im Fünfkampf bei den süddeutschen Meisterschaften in Nieder-Olm wird er wieder „nervös sein“ und wissen, dass die abschließenden 1.500 Meter mehr Qual denn Lust sind.


Siegfried Meyer, der Künstler (Foto: privat)

Meyer, promoviert in Sport und Politik, hat im Unruhestand neben der Leichtathletik noch ein anderes Hobby. Eines, das wesentlich mehr Geld und wahrscheinlich auch mehr Energie verschlingt. Seit einigen Jahren, zuvor war es die Fotografie, widmet er sich der Malerei, genauer der abstrakten Malerei. Details sind auf seiner Website zu finden. An dieser Stelle nur so viel: Meyer ist fasziniert vom Künstler Gerhard Richter. „Nach unzähligen ‚Trainingseinheiten‘ und einem schier unglaublichen, containerhaften Farbverbrauch sind einige ansehnliche Produktionen gelungen. Anfangs sahen sie zwar alle noch ein wenig nach Gerhard aus und nicht nach Richter, aber die Experimente in Acryl waren auch nicht alle misslungen“, schreibt er.

Die nächste Vernissage mit politischen Bildern ist für den 26. November geplant, und dieses Datum ist kein Zufall. An diesem Tag wird Siegfried Meyer 70 Jahre alt.

Uwe Martin

 


05.09.2016