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Katharina Heinig in Kenia: „Trainieren am Limit“


Abkühlung tut gut - Katharina Heinig in einer Trainingspause (Foto: privat)

Katharina Heinig ist im vergangenen Jahr der Sprung in die europäische Spitzenklasse im Marathonlauf gelungen. Ende September 2016 verbesserte sich die 27-jährige Polizeikommissarin in Berlin auf 2:28:34 Stunden - Platz sechs in Europa. Neue persönliche Bestzeiten lief die Athletin von der LG Eintracht Frankfurt auch über 10 Kilometer (33:04 Minuten in Paderborn) sowie im Halbmarathon (1:12:55 Stunden/Barcelona). Doch was treibt sie an, welche Motivation und Entbehrungen bringen die vielen, vielen Trainingskilometern jede Woche mit sich? Für hlv.de hat Katharina Heinig ein paar ganz persönliche Einblicke aus dem Höhentrainingslager in Kenia aufgeschrieben. In dem ostafrikanischen Staat ist sie seit dem 23. Februar laufend unterwegs, der Rückflug ist für den 17. März gebucht. Für das Frühjahr sind bislang zwei Wettkämpfe terminiert: am 2. April der Berliner Halbmarathon und am 15. April der Osterlauf in Paderborn. Jetzt geht es aber los mit den Notizen…

Warum immer wieder Kenia - was macht es sportlich aus - sich hier oben, abseits westlicher Zivilisation, für den sportlichen Erfolg sich zu schinden?

Gestern fuhr ein Matatu, ein Sammmeltaxi in unser Camp und brachte neue Gäste. Beim Aussteigen erkannte ich das Pärchen sofort wieder und hieß es im Kerio View Hotel willkommen. Sie lachten und meinten, wir seien hier ja auch schon wie zu Hause.

Das zwölfte Mal in Kenia, im Camp in Iten, und das innerhalb von sieben Jahren, das lässt einen fast heimisch werden. Man kommt an und ist sofort da. Man kennt alles: die Tagesabläufe, die Menschen, die Umgebung und weiß, was einen erwartet. Zum einen ist das ein großer Vorteil, man kann nicht überrascht werden und sich voll auf das Training konzentrieren; zum anderen gibt es nicht mehr viel Neues zu Entdecken und man weiß, was einem bevorsteht.


Laufen, laufen, laufen … (Foto: privat)

Nach meinen ersten Aufenthalten in Kenia habe ich immer ein Jahr gebraucht, um sagen zu können: Ich bin wieder bereit für das Land. Inzwischen sind wir bei drei Aufenthalten pro Jahr und ich bin von mir selbst überrascht. Es geht dabei nicht um die Erholung vom körperlichen Training, sondern um die mentale Erholung.

Im Trainingslager brennt man auf Dauerflamme und das nicht nur bei den harten Trainingseinheiten, sondern 24 Stunden. Sieben Tage die Woche und dies vier Wochen. Man hat zwar lockere Tage, aber der Kopf ist schon wieder weiter bei der nächsten „Kotz-Einheit“. Und von diesen hat Kenia viele zu bieten. Ein lockerer Nachmittags-Dauerlauf, der zu Hause im heimischen Wald gemütlich abgespult wird, wird hier zu quälenden 80 Minuten, in denen man beginnt, Selbstzweifel zu hegen und sich fragt, was man eigentlich macht und ob das noch so gesund ist.
Training in Iten - im „Home of Champions“, das ist für mich Trainieren am Limit. Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch.

Da ich sehr auf Höhe anspreche und der Effekt, der Höhentraining mit sich bringt, bei mir deutlich sichtbar wird, wenn ich wieder auf Normalnull bin, fällt mir das Trainieren auf 2.400 Meter Höhe und in der Wärme sehr schwer. Oft bin ich deutlich langsamer unterwegs als meine Trainingskollegen, mühe mich bei bestimmten Einheiten ab, die sonst locker abgespult werden können. Obwohl man weiß, dass das normal ist, baut es einen im Kopf nicht gerade auf und man kommt man nach der einen oder anderen Einheit schon mit Tränen im Camp an und fragt sich: Kann ich überhaupt noch laufen?


Sonnenaufgang - ein etwas anderer Blick auf das Trainingslager (Foto: privat)

Hinzu kommen die körperlichen „Wehwehchen“. Ich rede nicht von dem obligatorischen Muskelkater. Es sind Muskelschmerzen, kleine Reizungen, Blasen und aufgescheuerte Stellen, Durchfall, Magenprobleme, um die man hier nicht herumkommt. Werden bestimmte Schmerzen mehr oder gehen gar nicht mehr weg, nagt das am Gemütszustand. In den Nächten fühlt man sich dann wie eine Mumie - eingewickelt in Salbenverbände von oben bis unten. Die Gänge zum Masseur/Physiotherapeuten sind Tagesroutine und halten uns am Laufen.

Ja, und dann ist da noch ein Begleiter, der weh tut - das Heimweh. Ich bin ein sehr familiärer Mensch und liebe es, zu Hause zu sein. Natürlich habe ich den Vorteil, dass ich meine Eltern, besonders meine Mama stetig dabei habe, sie ist meine Trainerin. Doch mein Freund und Lebensgefährte muss eine gute Jahreshälfte auf mich verzichten und ich auf ihn. Das sind schwere Zeiten, die es zu überstehen gilt.


Irgendwo, hinter dem Staubwolken, ist Katharina Heinig zu sehen (Foto: privat)

Wenn man das alles so liest, kann man sich fragen, warum tut man sich das an? Die einfache Antwort: Wegen des sportlichen Erfolgs und des Vorankommens.

Ich weiß: Wenn ich Kenia gut überstehe, habe ich physisch was drauf und psychisch sowieso. Das kräftezehrende Training gibt einem Power in den Beinen - das mentale Training macht einen hart und ist absolute Willensschulung für die Marathondistanz.

Da Kenia meistens zum Jahresbeginn stattfindet, freut man sich nach den zwei, drei Aufenthalten hier oben auf die kommenden Lehrgänge im Jahresverlauf. Vom Kopf sind diese für mich dann einfacher, auch wenn das Training nicht leichter wird.

Was man dem Kopf so alles zu verdanken hat. Zu was man in der Lage ist und sich motivieren kann. Tag für Tag, Einheit für Einheit. Dass man nicht aufgibt, sondern gegen den inneren Schweinehund und die körperlichen Schmerzen angeht, das ist, glaube ich, das, was uns Leistungssportler ausmacht: für eine sportliche Leistung mit innerer Zufriedenheit.

Nochmals Danke an Katharina Heinig / Bearbeitung Uwe Martin

 


09.03.2017