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Zäsur beim Wiesbadener LV: Rainer Welteke folgt Peter Schulte als Vorsitzender


Links Peter Schulte, rechts der neue WLV-Vorsitzende Rainer Welteke (Foto: privat)

Er war schon da, als ich das erste Mal die Sporthalle in der Wettiner Straße betreten habe. Im Winter 1970/71. Die Halle war im Gegensatz zu heute blitzblank und wasserdicht, und ich war jung und sollte nach dem Willen meiner Eltern Leichtathletik betreiben, um körperlich ein bisschen auf Vordermann gebracht zu werden. In dem Gewusel, das seinerzeit unter dem Hallendach und im heutigen Helmut-Schön-Sportpark herrschte, war er stets mittendrin - als Trainer und Kampfrichter, dann als Funktionär. Jahre, jahrzehntelang. Anfang der 1970er Jahre gab es die Leichtathletik-Gemeinschaft Wiesbaden, später dominierten Eintracht und SV Wiesbaden wieder ohne den Zusatz LG, noch später gab es den LAV Wiesbaden und als dieser im Procedo-Skandal um den Klub-Mäzen Dieter Klindworth unterging (1994), war beinahe zeitgleich auch der SV Wiesbaden am Ende. Die Fußball-Abteilung hatte 600.000 bis 700.000 Mark Schulden angehäuft. Angesichts der drohenden Insolvenz machten sich die auch Leichtathleten selbständig und gründeten den Wiesbadener Leichtathletik-Verein (WLV). Wichtigster Macher und Vorsitzender war Peter Schulte.

Mittlerweile ist Schulte über 70, er hat eine Herzoperation und ein bewegtes Leben für die Leichtathletik hinter sich. Ihm den Rücken frei gehalten und organisatorisch immer mit angepackt hat seine Frau Ute, sie lief 1973 die 100 Meter in handgestoppten 12,2 Sekunden. Sohn Jörg war ein guter Diskuswerfer (Bestleistung 59,13 Meter/1999) und ist heute Bundestrainer für den männlichen Diskus-Nachwuchs. Man liegt mit der Vermutung sicher nicht falsch, dass es ohne die Hingabe des Filius zur Wurfscheibe den international renommierten Werfer-Cup in Wiesbaden nicht geben würde. Am 13. Mai 2017 zum 22. Mal.

Insofern war die WLV-Jahreshauptversammlung am 31. März eine Zäsur besonderer Art: Denn Schulte stand ebenso wie ein weiteres Gründungsmitglied, Markus Ott, nicht zur Wiederwahl. „Wir sind ein gesunder Verein“, sagte Schulte in seiner letzten Rede und begründete den Rückzug nach 23 Jahren mit seiner Gesundheit. Als Meeting-Direktor des Werfer-Cups macht er weiter. „Jedenfalls noch in diesem Jahr.“ Ott, Kassenwart und Jahrgang 1962, zieht sich aus familiären Gründen zurück. Die vorgelegten Zahlen - 600 Mitglieder, zirka 25 Übungsleiter, 4.500 Euro Überschuss im Jahr 2016, internationale und nationale Erfolge der Topathleten - lassen sich jedenfalls sehen. Auf dieser positiv-belastbaren Basis wurde der 51-jährige Rainer Welteke zum neuen Vorsitzenden des WLV gewählt. Einstimmig, Gegenkandidaten gab es nicht.

Und nicht nur er spürte, dass an diesem Abend „Wehmut in der Luft lag“. Die von Schulte, der zum neuen Ehrenvorsitzenden gewählt wurde, hinterlassenen Fußspuren, sind riesengroß. Welteke, beruflich als Referatsleiter im Hessischen Landtag tätig, weiß es. Mit der Leichtathletik in Sichtkontakt kam er über seinen Sohn Felix, zuletzt Zweiter der hessischen Hallenmeisterschaften über 3.000 Meter (M15). Welteke übernimmt einen Verein, der ein grundsolides Fundament hat. Aber auch Probleme. So konnten mangels Kandidaten nicht alle Vorstandsposten besetzt werden, bei der Suche nach neuen Sponsoren sind innovative Impulse gefordert. Mit dem fehlenden Funktionärs- und Kampfrichterachwuchs steht der WLV nicht allein in Hessen - die Sportstättensituation (hlv.de berichtete) hingegen ist extrem unschön. Vornehm formuliert. Der Kunststoffbelag im Stadion geht ins 38. (!) Bestandsjahr und die Drainage ist defekt. Doch eine Erneuerung hat die Landeshauptstadt nicht geplant, um den zweitwichtigsten hessischen Leichtathletik-Klub und damit den Standort in der Bahn zu halten. Bei der maroden Wettiner Halle, gebaut Ende der 1960er Jahre, hat eine städtische Expertise ergeben, dass die Renovierung kein vernünftiges Verhältnis zu einem Neubau hat.

Ist das eine gute oder eine schlechte Botschaft in einer Stadt, die sich den Ball des Sports jährlich mindestens 500.000 Euro Steuergelder kosten lässt?

Uwe Martin

 


02.04.2017